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POST SCRIPTUM! Keine Stille Nacht am Kap

Kapstadt mit dem Taflelberg Kapstadt mit dem Taflelberg Foto: JHM
Möglich, dass es mal wieder weiße Weihnachten an der Elbe gibt. Die Jahreszeiten in deutschen Landen sollen ja nicht mehr das sein, was sie einmal waren, höre ich. Weshalb wird Weihnachten eigentlich stets mit Schneefall verbunden? Vielleicht ist es ein typisches Stück deutsches, heimeliges Weihnachtsgefühl. Deutsche Auswanderer in Südafrika haben jedoch gelernt, ohne verschneite Weihnacht auszukommen.

Von Ludger Pooth - Am Kap der Guten Hoffnung sind die Tage zum Jahresende eine große Party unter strahlend blauem Sommerhimmel.The Festive Season, die festliche Saison heißt es am Kap. Weihnachten und Silvester in einem Rutsch. Südafrikaner wünschen eine „beautiful Festive Season“, selten Frohe Weihnachten. Denn das Land zwischen dem Indischen und Atlantischen Ozean ist ein Schmelztiegel der Kulturen, Religionen und Sprachen. So bunt wie die 57 Millionen Menschen, die Südafrika leben. Einem Juden, Moslem, Hindu oder anderen, die keine Christen sind, „Merry Christmas“ zu wünschen ist albern.


Doch jeder Südafrikaner, der kann oder darf, nimmt frei. Denn im Dezember/Januar sind Sommerferien. Die Festtage finden somit im Freien statt, gehören der Familie, den Kindern, Freunden und Bekannten. Es wird eingeladen, ausgegangen, geplaudert und gefeiert: Gartenfeste, Picknicks, Ausflüge, Strandparties. Von Stiller Nacht kann da keine Rede sein. Die Besinnlichkeit folgt vielleicht manchem Kater nach dem lustigen Feier am Tag zuvor.

Kapstadt ist zur Weihnachtszeit und in den Sommermonaten ein beliebtes Reiseziel für Südafrikaner und internationale Touristen. Eine im Wortsinne farbenprächtige Stadt, kosmopolitisch und liberal. Bedingt durch ihre Geschichte.1652 von den Niederländern als Versorgungsstation für die Ostindienfahrer gegründet, zog Kapstadt in den nachfolgenden Jahrhunderten Einwanderer aus Europa, Afrika und Asien an. Viele kamen freiwillig, andere nicht. Wie zum Beispiel die moslemischen
Malaien, die von der Holländisch-Ostindischen-Handelskompanie als Sklaven Ende des 17. Jahrhunderts ans Kap verschleppt wurden.

Die Engländer kamen als Eroberer und verleibten das Land am Kap der Guten Hoffnung  schließlich 1806 der Englische Krone ein. Soweit zu den Geburtswehen der Stadt am Kap die auch „The Mother City“, die Mutterstadt genannt wird. Von hier begann die Kolonialisierung des südlichen Afrika. Der Rest bis heute steht in den Geschichtsbüchern.

Die Engländer hatten1834 die Sklaverei der Holländer abgeschafft. Die meisten Kap-Malaien blieben, vermischten sich mit den einheimischen KhoiSan und anderen Volksgruppen. Cape Coloureds werden sie deshalb genannt, die größte Bevölkerungsgruppe in Kapstadt. Die meisten blieben beim Islam, andere konvertierten zur englischen anglikanischen Kirche oder zur holländisch reformierten Kirche. Katholiken und evangelische Lutheraner sind in Südafrika eine Minderheit.

Die vorwiegend schwarze Bevölkerung im restlichen Südafrika – zu kolonialen Zeiten missioniert aber dennoch den alten Riten und Traditionen verbunden – verteilt sich auf die großen Konfessionen oder anderer christliche Gemeinschaften.
Zwischen den Weltkriegen und danach wanderten viele Juden aus Europa ein. Kapstadt ist deshalb heute eine Stadt der drei großen monotheistischen Weltreligionen, die tolerant miteinander umgehen, anders als in der restlichen Welt. Israel und arabische Hardliner-Staaten können hier in die Lehre gehen. Ebenso einige europäische Länder mit ihren Verschleierungsverboten. Die USA hingegen sind wegen fortschreitender Degenerierung und Ignoranz ein hoffnungsloser Fall.

Wo Menschen unterschiedlicher Kulturen und Farben leben, miteinander arbeiten, reden, feiern oder gar heiraten werden Gemeinsamkeiten wie Verschiedenheiten entdeckt. Das fördert Verständnis und Toleranz im Umgang miteinander.

Mein Sohn Aviv (26) hat während der Feiertage wahrscheinlich Dienst in einem privaten Wildreservat in der Nähe des Krüger Parks. Er ist aus meiner zweiten Ehe mit einer Cape Coloured. Aviv gehört zu einer Spezialeinheit, die Wilderer im Busch jagd. Ein gefährlicher Beruf. Der illegale Handel mit dem Elfenbein der Elefanten und dem Horn der Nashörner ist internalionale organisierte Kriminalität.

Für meinen älteren Sohn Doron (36) haben die Weihnachtstage keine Bedeutung. Er ist Jude, lebt in Tel Aviv. Doron stammt aus der ersten Ehe mit einer Israelin. Beide feiern mit Verwandten und Freunden Hanukka, das jüdische Lichterfest vom 10. bis zum 18. Dezember.

Tannenbäume haben wir nicht in Kapstadt. Es wachsen keine in Südafrika. Die Christen haben, je nach Geschmack, geschmückte Kunststoffbäume oder Kiefernzweige. Elektrisch illuminiert. Wachskerzen sind nicht opportun bei Temperaturen um oder über 30 Grad Celcius. Sie neigen zur Verbeugung.

Deutsche Urlauber erleben zur Weihnachtszeit in Südafrika einige Überraschungen. Die erste ist ein mangelndes „Weihnachtsgefühl“. Die zweite, es gibt keinen Heiligen Abend am 24. Dezember. Die Geschenke werden am „Christmas Day“, dem 25.12. verteilt. So ist das bei den Anglikanern und Holländisch Reformierten üblich, inklusive Kirchengang am Morgen, nicht mitten in der Nacht wie in Deutschland. Die dritte Überraschung: keine Weihmachtsmärkte in den Städten. Glühwein? Niemals! Stattdessen einen gut gekühlten Sauvignon Blanc. Christollen und Lebkuchen? Ja! Aber nur bei den deutschen Bäckern. Auch beim deutschen Schlachter in Kapstadt, allerdings aus Deutschland importiert und teuer. Wie die tief gefrorenen Weihnachtsgänse aus Polen.

Die Geschäfte sind während der Weihnachtstage geöffnet, am Christmas Day aber bis auf die großen Einkaufszentren geschlossen. Dort sind auch die Klischees der weißen Weihnacht zu finden. Größenwahnsinnige Kunststoff-Tannen, den überbordenden Schmuck, nur durch eine ausgefeilte Statik gehalten. Verschneite Bergdörfer in Miniatur, Häuschen mit lackvereisten Butzenscheiben und Eiszapfen aus Plexiglas. Die Hollywood gestylten Rentierschlitten sind aus Pappmache.

Nur die Weihnachtsmänner sind menschlich. Auffallend ist jedoch hier und dort: Der weiße Wattebart rundet ein schwarzes Gesicht. Vergesst weiße Weihnacht in Südafrika. Wir sind ein buntes Volk am Kap der Guten Hoffnung!

Die Redaktion vom KapExpress
Wishing you a beautiful Festive Season!


 

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