HomeSüdafrikaNashornhörner absägen rettet Leben - aber löst das Problem nicht

Nashornhörner absägen rettet Leben – aber löst das Problem nicht

Eine siebenjährige Studie aus dem Kruger-Gebiet zeigt: Enthornung reduziert Wilderei um 78 Prozent.

Drastischer Rückgang der Wilderei

JHM – Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Enthornung führte zu einem 78-prozentigen Rückgang der Nashorn-Wilderei in acht Reservaten im südlichen Afrika. Das zeigt eine bahnbrechende Studie, die gerade im Wissenschaftsjournal Science veröffentlicht wurde.

Dr. Tim Kuiper von der Nelson Mandela University leitete die Untersuchung über sieben Jahre hinweg. Seine Forscher dokumentierten 1.985 gewilderte Nashörner in elf Reservaten der Greater Kruger Region zwischen 2017 und 2023. Das entspricht jährlich 6,5 Prozent der Population.

“Diese Landschaft ist eine kritische globale Hochburg, die etwa 25 Prozent aller afrikanischen Nashörner beherbergt”, erklärt Kuiper. In acht der Reservate wurden 2.284 Nashörner enthornt – mit eindeutigem Ergebnis.

Milliardeninvestition ohne Wirkung

Das wirklich Erstaunliche: Die Enthornung machte nur 1,2 Prozent des gesamten Nashorn-Schutzbudgets aus. Zum Vergleich – die Reservate gaben zwischen 2017 und 2021 eine Milliarde Rand (etwa 50 Millionen Euro) für Anti-Wilderei-Maßnahmen aus. Hubschrauber, Ranger, Spürhunde, Überwachungskameras, Zugangskontrollen – nichts davon zeigte statistisch signifikante Erfolge.

Über 700 Verhaftungen führten nicht zu weniger Wilderei. “Ineffektive Justizsysteme sorgen dafür, dass verhaftete Täter oft straffrei davonkommen”, kritisiert Kuiper. Wiederholungstäter seien in seinem Studiengebiet dokumentiert.

Syndikate rekrutieren in den Shebeens

Doch warum greifen Menschen überhaupt zu solch drastischen Mitteln? Kuiper sieht die Wurzeln in der Armut rund um den Kruger-Nationalpark. Arbeitslosigkeit und schlechte staatliche Dienstleistungen schaffen ideale Bedingungen für kriminelle Netzwerke.

“Die Syndikate gehen in lokale Shebeens, prahlen mit ihrem Reichtum und ziehen so junge Männer an”, berichtet der Forscher. Manche böten sogar Kredite an und würden bei Zahlungsunfähigkeit mit Gewalt drohen. “Hätten diese jungen Männer bessere Chancen, würden sich die meisten nicht darauf einlassen.”

Selbst Stümpfe sind noch wertvoll

Dennoch ist Enthornung kein Wundermittel. Einige enthornnte Nashörner wurden trotzdem gewildert. Neue Daten aus 2024 und 2025 zeigen: Sogar Hornstümpfe und nachwachsende Teile werden zur Zielscheibe.

Mit Preisen von etwa 30.000 Dollar (rund 27.000 Euro) pro Kilogramm lohnt sich für die Syndikate selbst der Stumpf. “Mich überrascht, dass sie für so wenig Horn noch das Risiko eingehen”, sagt Kuiper. Doch bei Krugers riesiger Fläche von zwei Millionen Hektar und Insider-Informationen bleiben die Chancen für Wilderer zu gut.

Ranger brauchen bessere Unterstützung

Besonders die Rolle der Ranger liegt Kuiper am Herzen. “Sie werden oft als einfache Fußsoldaten gesehen, denen man sagt, wo sie hingehen sollen. Aber wir fragen sie selten nach ihrer Meinung.”

Dabei hätten Ranger unschätzbares Wissen. Sie patrouillieren rund um die Uhr und kennen ihre Gebiete wie niemand sonst. Kuiper glaubt: Bessere Bezahlung und Unterstützung würden sie weniger anfällig für Bestechung durch Syndikate machen.

Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme

Stolz ist Kuiper darauf, dass dies eine afrikanisch geführte Studie war. “Das war ein afrikanisches Team, geleitet von afrikanischen Wissenschaftlern und Managern, das eine afrikanische Krise angeht”, betont er. “Das ist immer noch zu selten in der globalen Wissenschaft.”

Die Studie entstand durch die Greater Kruger Environmental Protection Foundation (GKEPF), einen Zusammenschluss von Reservatsmanagern. Mitbeteiligt waren die Universitäten Kapstadt und Stellenbosch, Oxford, SANParks, WWF Südafrika und der Rhino Recovery Fund.

Zeit kaufen für die echte Lösung

Sharon Haussmann, Geschätsführerin der GKEPF, die kürzlich verstarb, trieb das Projekt maßgeblich voran. Sie glaubte an kollektives kritisches Denken als Schlüssel zum Erfolg.

Für Kuiper ist klar: Enthornung hilft momentan, aber die wahre Lösung liegt woanders. “Es sollte als Zeit verstanden werden, die wir kaufen, um die größeren Probleme anzugehen – die Zerschlagung der kriminellen Netzwerke.”

“Wir wollen Nashörner nicht enthornen müssen. Das Ziel ist, dass Nashörner Nashörner sein können – mit intakten Hörnern.”

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