Südafrika steht vor einem historischen Wandel seiner Energielandschaft. Ein neuer Handelsstrommarkt soll Verbrauchern erstmals die freie Wahl ihres Stromanbieters ermöglichen.
JHM – Nach über einem Jahrhundert der Abhängigkeit vom staatlichen Energieversorger Eskom befindet sich Südafrika an einem Wendepunkt. Missmanagement und mangelnde Investitionen beim Versorgungsunternehmen führten 2023 zu beispiellosen Stromausfällen, die die Wirtschaft des Landes lähmten. Als Reaktion darauf hat die Regierung nun den Energiemarkt für private Akteure geöffnet – ein Schritt, der von Experten als revolutionär bezeichnet wird.
“Dies ist der Beginn eines echten Handelsstrommarkts in Südafrika”, erklärt Judy Kobus, Leiterin für Infrastrukturlösungen bei der Rand Merchant Bank (RMB), einer Tochtergesellschaft der FirstRand Ltd. Die Bank unterstützt aktiv diese Marktliberalisierung durch Finanzierungslösungen für die neuen Stromhändler.
Zehn lizenzierte Händler bereiten den Weg
Die südafrikanische Energieaufsichtsbehörde hat bereits zehn Unternehmen Handelslizenzen erteilt. Darunter befinden sich sowohl Privatunternehmen wie Green Electron Market, Discovery Green und CBI Electric Apollo als auch Africa GreenCo sowie Eskoms eigene National Transmission Co. Diese Händler werden eine marktorientierte Preisstruktur schaffen, die es Verbrauchern ermöglicht, ihren Stromanbieter nach Preis und Angebot auszuwählen.
Die RMB prognostiziert, dass dieser Wettbewerb die Energiekosten senken wird – eine dringend benötigte Entlastung für südafrikanische Verbraucher. Daten des Zentrums für Erneuerbare und Nachhaltige Energiestudien der Universität Stellenbosch zeigen, dass die Strompreise zwischen 2008 und 2023 um das Achtfache gestiegen sind, während die Inflation im gleichen Zeitraum nur 215% betrug. Aktuell liegen die durchschnittlichen Stromkosten bei etwa 0,16 € pro Kilowattstunde für Privathaushalte.
Investitionen in Netzinfrastruktur notwendig
Eine der größten Herausforderungen für den Erfolg des neuen Strommarkts ist das veraltete Übertragungsnetz. “Wir haben Gespräche mit der Regierung und Kunden darüber geführt, wie der Ausbau des Übertragungsnetzes aussehen könnte und welche Unterstützung erforderlich sein wird”, sagt Kobus. “Wir holen auch internationale Akteure ins Boot, die über umfangreiche technische Erfahrung mit Übertragungsleitungen verfügen.”
Die südafrikanische Regierung sucht Investoren für den Bau von 1.164 Kilometern Übertragungsleitungen in einer Pilotphase. Dies ist Teil eines größeren Projekts, das den Ausbau von 14.218 Kilometern Stromleitungen über das nächste Jahrzehnt zu Kosten von mehr als 440 Milliarden Rand (etwa 22 Milliarden €) vorsieht.
Die RMB-Abteilung für Infrastrukturlösungen, die im letzten Geschäftsjahr Projekte für erneuerbare Energien im Wert von 40 Milliarden Rand (etwa 2 Milliarden €) unterstützt hat, plant auch Investitionen in die maroden Güterbahnlinien des Landes.
Teil eines größeren Infrastrukturplans
Die Umgestaltung des Energiemarktes ist Teil eines umfassenderen Plans der südafrikanischen Koalitionsregierung, die bis 2030 rund 3,2 Billionen Rand (etwa 160 Milliarden €) von privaten Investoren für die Modernisierung von Straßen, Häfen und anderer Infrastruktur mobilisieren möchte. Dies soll die Wirtschaft ankurbeln, die im letzten Jahrzehnt durchschnittlich weniger als 1% pro Jahr gewachsen ist.
Auch außerhalb Südafrikas ist die RMB aktiv. Im vergangenen Jahr schloss sie Flughafentransaktionen im Senegal und in Ghana sowie Eisenbahnprojekte in Nigeria und Tansania ab. “Häfen, Eisenbahnen und auch Flughäfen sind ein wichtiges Thema auf dem gesamten Kontinent”, so Kobus, die viele Chancen im Transportsektor sieht.
Die Liberalisierung des südafrikanischen Strommarktes könnte nicht nur ein Modell für andere afrikanische Länder werden, sondern auch ein entscheidender Schritt sein, um die chronische Energiekrise des Landes zu überwinden und nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu fördern.


























































































































