Saturday, January 28, 2023
spot_img
HomeKulturDie Kunst geistreichen Blödsinns

Die Kunst geistreichen Blödsinns

Sie haben alle einen Vogel Und sind auch noch stolz darauf. Wie auf ihr Wappentier, den Uhu. Die Schlaraffia ist ein exklusiver Männerbund hintersinniger Käuze. Seit über 160 Jahren. 11000 Schlaraffen gibt es weltweit, auch  in Südafrika. Die letzten Ritter der Romantik.

Von Ludger Pooth – Der wundersamste deutsche Herrenabend beginnt weltweit Woche für Woche gleich. „Ritter Marschall, rühret das Tamtam“, befiehlt Seine Herrlichkeit auf dem Thron. In der Burg ertönt der Gong. „Die 642.Sippung eröffnet. Ehe! Schlaraffen!“. Die Runde seriöser Herren in Rittermänteln prostet sich zu. Seine Herrlichkeit verkündet: “Wir bitten Euch, Eure seßhaften Plätze einzunehmen.”

Der Zinkenmeister intoniert das Eingangslied, “Schon wieder ist der Abend da”. Inbrünstig singen die Herrschaften: “Ein Abend in Schlaraffia muß das Gemüt erhöhen…“

Bizarrer Mummenschanz verspielter Männer? Keineswegs. Es ist das Eröffnungsritual der Schlaraffia die seit nunmehr 1859 im Zeichen des Uhus ihr unbekanntes Wesen treibt. Wo Deutsch gesprochen wird, gibt es auch Schlaraffen. Sie treffen sich in den Burgen von Hamburg, Mexiko City oder in Tokio, der Veste Höllenstein in Wien, der Potomacburg in Washington und in der Wikingerburg in Stockholm.

Die Städte sind die „Reyche“ der Schlaraffen. In Südafrika sind es das „Castellum Auri Africae“ die „Große Goldgrube“ in Johannesburg, „Castra Pretoria“ in Pretoria und
„Am Kap der guten Hoffnung“ in Kapstadt.  Schlaraffia ist überall. Aber was ist Schlaraffia?

Keine Freimaurerloge, kein Orden und kein Karnevalsverein. Schlaraffia ist die Kunst des geistreichen Blödsinns. „In arte voluptas“, in der Kunst liegt das Vergnügen lautet das Motto. Kunst, Freundschaft und Humor sind die Säulen des Uhubundes. Politik und Religion bleiben vor der Burgpforte.

Zugleich mit Mantel und Aktenkoffer haben die Herren Namen, Beruf und Titel an der Garderobe abgelegt. Fortan reden sie sich nur noch mit “Ihr” und “Euch” und ihren Ritternamen an und begrüßen sich mit „Lulu“.

“Dem Uhu gilt der erste Gruß”: Beim Betreten der Burg, dem Versammlungsort verbeugen sich die Schlaraffen ehrfürchtig vor ihrem Wappentier, dem Uhu, der sich mal ausgestopft, aus Porzellan oder aus Kupfer zeigt.

Schlaraffia oder die wundersame Verwandlung gestandener Männer zu Rittern, Junkern und Knappen, die drei Stände des Bundes, die  Mitglieder mit der Zeit erklimmen. Höhepunkt im Schlaraffenleben: der Ritterschlag. In einer feierlichen Zeremonie wird zum Beispiel aus einem Junker, von Beruf Tenor, der „Ritter Tonart, der stimmige Notenzähler“. Ein Bankdirektor stellt sich als „Ritter Kassensturz, der freundliche Zinsjäger“ vor, ein Frauenarzt wird zum Ritter „Wehentrost am Scheideweg“ und ein Malermeister mutiert zum „Ritter Strichelangelo der wackere Farbenkleckser“.

Waren früher Künstler wie Léhar, Mahler, Ganghofer oder Rosegger in der Überzahl, so streben heute mehr Ärzte, Juristen; Beamte und Kaufleute ins Schlaraffenland.  Da kann ein Knappe  Finanzdirektor, ein Junker Unternehmer sein und der Junkermeister ist Lehrer. Berufs- und Standesunterschiede zählen nicht. Das schlaraffische Rollenspiel gibt jedem eine Chance und allen eine Bedeutung, die nichts bezweckt. Einmal in der Woche aussteigen, ein anderer sein, Narr für eine Nacht, fröhliche Anarchie und strengste Hierarchie, das ist das schlaraffische Gesetz.

Da wird bei den „Sippungen“ von der „Rostra“ „gefechst“, das heißt bei den Treffen gedichtet oder vorgetragen, gesungen oder musiziert. Da wird zum Duell gefordert, jedoch nicht mit dem Schwert sondern „geistig geschärft“ wie die Uhuritter ihre verbalen Gefechte nennen. Es darf auch musikalisch gefochten werden. Dann schmettert der Duellant die Arie „Amor ti vieta“ aus Giordanos Oper „Fedora“ gegen das Saxophon seines Kontrahenten: „Desafinado“ von Stan Getz. Selbstverständlich nicht gleichzeitig. Schön nacheinander wird aufeinander eingehauen. Der Rittersaal stimmt ab, wer der Sieger ist.

Das ist Schlaraffia: Witz und Ernst im schnellen Wechsel, Chopin neben Morgenstern, Profis neben Amateuren, meist bunter Abend und manchmal Glasperlenspiel. Schlaraffia ist eine hohe Schule der Schlagfertigkeit. Jeder kann, keiner muß hier etwas zum Besten geben. Mancher will immer tönen, mancher sagt nie was und heißt prompt Ritter Redefluß. Mancher macht hier erstmals den Mund auf. Schlaraffia ist ein deutscher Gesamtkunstverein.

So schrill die 11000 Schlaraffen in ihrem “Uhuversum” spuken, so unauffällig sind sie im Alltag. Nur die weiße Perle der Rolandnadel am Revers signalisiert Erlebnisse der anderen Art.

“Die Mitternachtsstunde, sie ist wieder da”, tönt es aus vollen Kehlen. Die Sippung geht zu Ende, Tief verneigen sich die Herren vor ihrem Uhu, fassen die Hände und singen den Schlaraffenschwur: “…und bis zum letzten Atemzug laßt uns Schlaraffen bleiben.”

Kontakt: kantzlerambt407@gmail.com

RELATED ARTICLES

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here

Most Popular

Recent Comments

Skip to toolbar