Thursday, February 2, 2023
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Auszug 1: „Zehn Monate durch Afrika. Eine Reise von Deutschland nach Kapstadt und zurück“

Im Jahr 1985 machen sich vier Franken in ihren Zwanzigern in einem zum Wohnmobil umgebauten Mercedes 508D auf den Weg, um den afrikanischen Kontinent zu durchqueren.

Gaby Reuß erzählt in ihrem Reisebericht von der abenteuerlichen Tour durch Wüste, Urwald und spektakuläre Landschaften im südlichen Afrika. Nach acht Monaten erreichen sie das Zielland: Südafrika, damals noch unter dem Apartheidregime. Da ein Mitreisender aus familiären Gründen die Reise vorzeitig beenden musste, sind sie jetzt zu dritt unterwegs: Gaby, ihre Freundin Christine und deren Lebensgefährte Hermi.

In drei Auszügen berichtet sie für Kap Express von den zwei Monaten, die sie in Südafrika verbrachten. Nach so langer Zeit in Schwarzafrika erscheint ihnen das Land am Kap fast unwirklich mit seiner „Zivilisation“: gefüllte Supermärkte, ordentliche Straßen, Abfalleimer auf dem Gehweg…
Die spektakuläre Panorama Route haben sie fast ganz für sich alleine, erleben das quirlige Durban und fahren entlang der wunderschönen Garden Route bis Kapstadt. Dort „wohnen“ sie drei Wochen auf dem Signal Hill, genießen zum Frühstück und Abendessen von ihrem „Campingplatz“ aus den atemberaubenden Ausblick auf Kapstadt, Bucht und Tafelberg, erkunden Stadt und Umgebung – soweit es ihre knappe Reisekasse noch zulässt. Mit den letzten 50 DM in der Tasche suchen sie eine Möglichkeit, nach Deutschland zurückzukehren.

August 1985: Südafrika
Auszug 1: Von Lobatse bis Drakensberge/Harrisburg
Am Grenzposten Bophutatswana, einem „eigenständigen Homeland“, ist im Büro lediglich ein Transitformular auszufüllen, freundlich werden wir weitergeschickt. Nach ca. 45 km erreichen wir die Grenze von Bophutatswana und bekommen die „Ausreisestempel“. Ein paar Meter weiter weht die südafrikanische Flagge… wir sind nervös, denn die Südafrikaner sollen sehr darauf achten, dass Traveller genügend Geld bei sich haben.

Im mit Blumen geschmückten Büro sitzen – wie ungewohnt! – lauter Weiße. Die Einreisepapiere werden geprüft, der Beamte fragt nach unserer finanziellen Ausstattung und akzeptiert schließlich die vorgelegten Travellerschecks und Bankbestätigungen. Es vergehen weitere unangenehme Minuten – der Beamte vertieft sich in ein dickes Buch, vergleicht die Pässe damit – da fällt uns der Protestbrief ein, den wir vor zwei Jahren unterzeichnet haben, ein Appell an die südafrikanische Regierung, die Apartheid abzuschaffen. Man wird uns doch nicht registriert haben…? Doch schließlich bekommen wir Aufkleber in den Pass mit einer Aufenthaltsgenehmigung von zwei Monaten und können kaum unseren Jubel verbergen: mit den letzten Moneten und uralten Bankbestätigungen (die genau die 4000 DM pro Person aufweisen, die wir zu Beginn der Reise hatten) haben wir es geschafft – wir sind im Zielland Südafrika!

Beim Pick’n Pay Supermarkt in Rustenburg gehen uns die Augen über: edel ausgestattete Kosmetikabteilung, Süßigkeiten, Schmuckabteilung, eine lange Reihe mit Kassen… wir wandern an den Regalen mit Waren entlang. Hier gibt es echt ALLES, sogar deutsche Produkte – so hatten wir das nicht erwartet. Köstlichkeiten wie Gurken, Oliven, frische Wurst, Joghurt, Schokolade stapeln sich bald im Einkaufswagen. Vom vielen Schauen und Staunen kriegen wir fast Kopfschmerzen – nach so vielen Monaten Schwarzafrika und einfachsten Lebens (und Einkaufens) ist das Angebot einfach überwältigend.

Wir fahren nach Sun City, das „Las Vegas“ von Südafrika. Sun City liegt im Homeland Bophutatswana (weil die Südafrikaner so moralisch sind und Laster wie Spielautomaten und Sexfilme im ‘eigenen’ Land nicht dulden). Nachdem wir uns einigermaßen anständig angezogen haben, starten wir zur Besichtigung des Cascades Hotels. In der Hotelhalle staunen wir über die vielen Spiegel, Messingrahmen, Lampen, Ledersitzecken, eine Rezeption, wo man deutsch spricht… Üppige Vegetation schmückt den Garten, Farne, Palmen, Blumen, kleine Bäche, ein Wasserfall, in einer Grotte befindet sich eine Bar. Was für ein Kontrast zum umliegenden „Homeland“ Bophutatswana!

Nach einem Stadtbummel durch Pretoria geht es weiter nach Johannesburg, wo wir das Lehrerpaar, das wir in Malawi kennengelernt haben, besuchen wollen. Gisela stellt uns Küche, Kühlschrank und Bad zur Verfügung, lebhaft erzählt sie vom Alltag: in Südafrika funktioniere gar nichts, und wegen der politischen und wirtschaftlichen Situation, die sich in den vergangenen Monaten rapide verschlechtert habe, würden viele Weiße die Flucht ergreifen.
Später kommt ein Schwarzafrikaner, der Gartenarbeiten erledigt. Der Mann wohnt in Soweto und erzählt, dass er momentan große Schwierigkeiten habe, zu seiner Arbeitsstelle zu gelangen, er muss morgens um 4 Uhr los und kommt erst spät nachts nachhause. Jeden Nachmittag gibt es Unruhen in Soweto. Gisela erzählt, in Deutschland sei Südafrika momentan neben dem Weinskandal Thema Nr. 1, alle regen sich über das „unmenschliche“ Regime auf – das in dieser Form ja schon seit Jahren besteht, aber vorher nie so groß kritisiert wurde.
Abends werden Gäste erwartet, ein Pastor mit seiner Tochter. Die beiden kommen verspätet, und das hat seinen Grund: Sie weilten bei einem Gottesdienst für einen schwarzen Widerstandskämpfer, der morgen früh gehenkt werden soll, die Gemeinde hatte sich sehr für seine Freiheit eingesetzt. Der Mann soll angeblich am Mord an drei Weißen beteiligt gewesen sein – doch heute kam vom Sitz der Widerstandsbewegung ANC in Sambia die Bestätigung, dass der Afrikaner nicht dabei war. Nun wurde das Todesurteil um drei Wochen verschoben, es besteht die Hoffnung, dass in dieser Zeit seine Unschuld erwiesen werden kann, der Pastor ist ganz euphorisch über diesen Erfolg. Mich überkommt ein Schaudern bei diesem Bericht, auf einmal kommt man unmittelbar mit den hiesigen Problemen in Berührung.

Die Szenerie auf der Strecke nach Sabie ist eindrucksvoll: viel Wald, dann wieder kahle, mit Steinen und Geröll bedeckte Flächen, steile Schluchten, wieder Wald… der Rundblick von oben ist einfach wunderschön! Serpentinenmäßig verläuft die Straße, es gibt View Points mit herrlichem Ausblick und ab und zu Souvenirverkäufer.
Ein paar Frauen bieten Dosen und Aschenbecher aus Soapstone an. Wir suchen uns Souvenirs aus und geben einen Pullover dafür. Bald kommen weitere Frauen, wollen „Shirts“. Uns fällt ein, dass wir ja ein paar Mitbringsel für die „Hinterbliebenen“ in Deutschland erstehen könnten, also starten wir einen Großeinkauf: Dosen, Aschenbecher, Kerzenständer gegen Pullis, Hemden und Seife. Als wir weiterfahren, schnattern die Frauen laut durcheinander, winken, freuen sich über die neuen Klamotten, die die meisten gleich angezogen haben.

Bald erreichen wir Pilgrims Rest, man fühlt sich sofort ins vorige Jahrhundert versetzt: Häuserreihen mit Wellblechwänden und -dächern, Sprossenfenstern, Veranda mit Holzbrüstung, darum meist ein Garten mit Rasen und Blumenbeeten.
Es ist angenehm ruhig hier, nur ab und zu stört ein Auto die Idylle. Ums Dorf stehen weiß blühende Bäume, die Umgebung ist erfrischend grün. Wir lassen uns auf der Veranda eines Cafés nieder, auf altmodischen, mit viel Schnörkel verzierten gepolsterten Stühlen, man traut sich kaum, sich hinzusetzen, sie knacksen verdächtig. Wir verschlingen überdimensionale Eisbecher und sind absolut entzückt über diesen verschlafenen Ort.

Ein Stopp wird eingelegt bei „Diggings“, dem Bach, in dem früher nach Gold gesucht wurde. Hermi schaufelt Körner und Sand in ein Sieb, holt ein paar gelbe Brocken raus, meint, das könne Gold sein… Ein Schwarzafrikaner meint lächelnd, wenn, dann finde man höchstens Goldstaub, keine Nuggets. Der Platz ist wunderschön, der Bach plätschert leise durch das schmale Bett, in dem klaren Wasser spiegelt sich die Sonne… ideal zum Dasitzen, Gucken und Ruhe genießen.
Weiter geht’s in Richtung Blyde River Canyon, kaum sind wir aus Graskop draußen, kommt schon ein View Point. Anhalten, mit Fotoapparat bepackt aussteigen, die steil abfallende Schlucht bewundern. Ein Stück weiter kommen wir zu God’s Window, von dort führen Wege und Treppen zu weiteren Aussichtspunkten. Zwischen dichten heckenartigen Gewächsen leuchten die hellgrünen Blätter einzelner Bäume, es duftet wunderbar. Durch Urwald führt ein schmaler felsiger Fußpfad, es wachsen yuccaartige niedrige Palmen, Bäume, Schlingpflanzen, leuchtende Farne. Von weiteren View Points aus haben wir wunderbare Aussicht: die am Himmel dahinziehenden Wolken werfen ihre Schatten auf die Waldflächen, so dass sich ein reizvolles Hell und Dunkel auf den Baumkronen abzeichnet.

Wir erreichen das Blyde River Nature Reserve, in der Schlucht sieht man den schmalen Blyde River sich in ausgedehnten Schleifen dahin winden. Die Berge verschwimmen fast im Dunst, dunkelgrün schimmern die bewaldeten Abhänge, die steil abfallenden Felsen sind grün und braun verfärbt, längliche Zacken ragen aus dem Gestein. Nach kurzer Fahrt erreichen wir den Aussichtspunkt „The three Rondavels“. Über den Steinplattenweg huschen Eidechsen, außer dem Geräusch des pfeifenden Windes ist es vollkommen still, außer uns sind kaum Menschen hier.
Am Rand der Schlucht angelangt, gucken wir vorsichtig von weit vorstehenden Felsen nach unten – hui, ist das tief! Gegenüber die Felsformationen, die diesem Platz den Namen geben: sie sehen wirklich aus wie afrikanische Rundhütten, die „Wände“ aus kahlem braunem Fels, das „Dach“ spitz zulaufend. Der Blyde River wirkt von hier oben klein, man hört jedoch sein Rauschen und kann an den Steinen im Flussbett weiße Gischt erkennen. Der Fluss weitet sich bald und fließt in einen Stausee, dessen Wasserspiegel in der Sonne glitzert.

Auf der N3 düsen wir gen Harrismith, die Stadt ist schon 30 km vorher sichtbar, liegt in einem Tal, das von Tafelbergen eingeschlossen ist. Auf dem Caravan Park, stehen nur wenige Wohnwagen, während Christine und Hermi die Abendessenauswahl diskutieren, schaue ich mich in den Sanitäranlagen um. Die erste Tür ist tabu – „Eingang für Nichtweiße“ – da nimmt Apartheid reale Gestalt an.
Abends kommen wir in den Genuss des sonntäglichen südafrikanischen Radioprogramms: eine „Serenade“ mit „beautiful music“: Willy Hagara besingt die Möwe, die in die Heimat schwebt, Rudolf Schock gibt zum Besten, „Ich bin nur ein armer Wandergesell“ oder so ähnlich. Eine Schnulze folgt der anderen, dann Nachrichten auf Afrikaans, das sich für uns anhört wie rückwärts gesprochenes Deutsch…

Den gesamten Reisebericht gibt es hier:

Mit ungenauem Kartenmaterial und vagen Routenbeschreibungen machen sich im Jahr 1985 vier junge Deutsche in einem zum Wohnmobil umgebauten Mercedes 508D auf den Weg von Deutschland nach Kapstadt. Sie werden beim Geldschmuggel erwischt, durchqueren die Sahara, sind tagelang mutterseelenallein im Urwald unterwegs. Sie begegnen meist freundlichen und hilfsbereiten Menschen, aber auch betrunkenen Grenzbeamten. Gaby Reuß erzählt, wie es war, zu viert (zuweilen auch zu sechst) auf 10 qm im Bus zu leben. Vom unbeschreiblich schönen Lebensgefühl, abends verschwitzt aber glücklich in die Weite des afrikanischen Himmels zu schauen.

Gaby Reuß: Zehn Monate durch Afrika, BoD – Books on Demand, Norderstedt, 2017
ISBN: 9783746029863
Taschenbuch, 308 S.,15,95 Euro. E-Book: 5,99 Euro

Autoreninfo:
Gaby Reuß, Jahrgang 1961, aufgewachsen in Franken, lebt seit 1984 in München. Nach der Ausbildung zur Bürokauffrau erwarb sie auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur und absolvierte ein Geographiestudium. Beruflich und privat war sie auf allen Kontinenten unterwegs und verfasste Reiseberichte. Nach wie vor ist sie gern auf Reisen und führt Reisetagebuch, sei es bei einer Radtour durchs Salzburger Land, auf dem Hausboot durch Frankreich oder bei der nächsten Reise nach Südafrika…

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