Thursday, February 2, 2023
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Kapstadt – Eine Stadt mit zwei Gesichtern

Von einem wunderschönen Land und den Konsequenzen dessen Vergangenheit

Madeleine Londene – Ein Land an dem die Erde spitz zusammenläuft, Meere treffen aufeinander, Berge auf Wüste, Wind auf Sonne und Schwarz auf Weiß. Die Vielseitigkeit im Süden Afrikas ist unübersehbar und spürbar. Wer zum Kap reist taucht in eine Welt voller Leben, die Stadt brodelt förmlich vor Angebot und Nachfrage. Kapstadt gleicht dem neuen, hippen New York – minus das schlechte Wetter. Hier können Jung, Schön und Reich aus den Vollen schöpfen, das Glas scheint nie leer zu werden. Abenteuerlustige können ihren Nervenkitzel mit Wanderwegen stillen, welche die paradiesische Pracht der Landschaft erst wirklich preisgeben, Konsumhungrige finden in den etlichen Einkaufshäusern extravagante, exklusive Mode, Nachteulen haben mehr als genug Möglichkeiten sich in der Long street in angesagten Bars und Clubs gelassen auszutanzen und Sonnenanbeter, egal ob aktiv im Wasser oder faul auf trockenem Boden, können die Meeresbrise an den vielen Stränden genießen. Kapstadt ist up and coming, der neue Hotspot für alle Reiselustigen – besonders aus den westlichen Ländern. Nach einem Sightseeing Tag an der Waterfront kann man auf einem der Weingüter, beispielsweise in Constantia oder Stellenbosch, den Tag revue passieren lassen und hervorragende Weinrebe gepaart mit vorzüglicher Schokolade verkosten. Dazu noch ein filmreife Kulisse, bestenfalls wie der warm gelbe Erdball flackernd hinter der Bergkette versinkt, und die Szenerie gleicht fast einem Werbespot für Expedia. Oder einer Bierwerbung. Oder einfach dem Finale der letzten Bachelor Sendung auf RTL. Kapstadt ist ein Ort an dem alles wahr werden kann, man muss es nur tun. Eine Safari durch spannende Reservate? Lässt sich ohne Weiteres über eine geprüfte Organisation buchen. Surfen und das Salz auf der Haut spüren während am Strand eine Beachparty im Gange ist? Camps Bay oder Muizenberg sind die Anlaufstellen für unvergessliche Tage und Nächte mit beiden Füßen im Sand oder auf dem Board. In dieser wundervollen, aufregenden und dynamischen Stadt geben sich Schwarze, Weiße und Farbige die Hand und zeigen auf, wie weit die Vergangenheit doch zurückliegt und wie schön ein gemeinsames Miteinander sein kann. Das ist die die eine Seite vom Kap.

Der Melting Pot der Superlative ist folgenreich
Das Wunderbare und das Unmögliche sind in Kollision geraten, besagt ein Sprichwort der Xhosa, eines der Völker Südafrikas. Freilich wunderbar ist das Abschaffen der Rassentrennung und das zumindest rechtliche Überkommen der Apartheid. Unmöglich scheint die Vereinigung unterschiedlichster Menschen, Traditionen, Religionen und Mentalitäten, die das Bild eines harmonischen Südafrikas noch immer beflecken. Was hilft einem eine rechtliche Absicherung, wenn die ökonomische und soziale Unterdrückung der farbigen und schwarzen Minderheit noch immer nach Gerechtigkeit schreit? Ja, es ist wahr, dass Schwarze und Weiße Studenten mittlerweile gemeinsam über den Campus laufen, mit dem Ziel angehende Ärzte und Richter zu werden. Doch das ist eine Realität – von vielen. Die Realität ist renommierte Restaurants am Hafen, Villen mit atemberaubenden Aussichten, ausgefallene Wochenendmärkte und Open-Air Festivals. Die Realität ist auch Maschendrahtzaun, bettelnde Kinder, Wellblechhütten, Wasserrestriktion und betrunkene Menschen, die auf dreckigen Decken schlafen. Es wäre eine Lüge zu behaupten, Frauen und Kinder könnten unbeschwert und ohne Bedenken durch die Straßen Kapstadts spazieren, oder ein Mann könnte im Zug oder im Park ohne Weiteres einschlafen und erwarten, unversehrt aufzuwachen. So sehr es Außenstehenden, und Innenstehenden, auch gefallen mag Kapstadt als Melting Pot der Kulturen zu porträtieren, als lebender Beweis des Überkommens der Apartheid, so sehr schneidet sich diese Erkenntnis an der harten Realität Südafrikas. Kapstadt ist nicht nur Waterfront, Camps bay, oder Century City. Nein, zu der Metropole zählen auch die Cape Flats, wie Langa, Khayelitsha oder Lavender Hill, auch wenn es Vielen lieber wäre diese endgültig von der Landkarte Südafrikas weg zu retuschieren. Für viele Bewohner ist der Alltag das Paradies, für Andere die Hölle auf Erden. Vergewaltigung, Gangsterism, Diebstahl, Missbrauch und Diskriminierung dominieren die Townships.

Wenn die Narben der Vergangenheit noch nicht verblasst sind
Es ist schwer der Wirklichkeit ins Auge zu blicken und einzusehen, dass die soziale und ökonomische Umsetzung der Abschaffung von Rassentrennung teilweise gescheitert ist. Keiner gibt gerne zu, dass das Endresultat defekt ist, keiner macht sich gerne für die Konsequenzen verantwortlich. Vielleicht liegt es in unserer menschlichen Natur unangenehme Dinge auszublenden, weil Konfrontation zu viel an Stärke und Zeit abverlangt. Und nicht jeder besitzt diese Stärke. Fakt ist, dass die Menschen, die unter den Konsequenzen in den Townships leben, jeden Tag stark sein müssen, weil sie sonst daran zu Grunde gehen. Die Zeit in Südafrika hat mir gezeigt, wie blind und ignorant wir teilweise durch das Leben laufen – oder wie die Xhosa sagen würden, Die Menschen, die retten und töten – ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie viel Leid in einem so fortschrittlichen Land noch vorhanden ist. Von einer Schere zwischen Arm und Reich zu sprechen, egal ob Schwarz oder Weiß, gleicht fast einer Untertreibung. Eine tiefe, dunkle Schlucht die zwei Welten voneinander trennt, aber auf engstem Raum aufeinander treffen lässt, scheint eine geeignetere Metapher zu sein. Der einzige Weg den Wahlspruch Südafrikas „Unterschiedliche Menschen vereinen sich“ wahrkommen zu lassen und infolgedessen Mandelas Wunsch für die Menschen Afrikas zu erfüllen, ist es Brücken zu bauen. Robuste Brücken, die von beiden Seiten der Schlucht aus errichtet werden und auch schwere Laster und Stürme aushalten. In Südafrika treffen am Kap der guten Hoffnung zwei unterschiedlich warme Ozeane aufeinander, doch auch diese vermögen es sich zu vereinen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Menschen es der Natur gleich tun und dem Namen des Kaps gerecht werden.

Madeleine Londene studiert im 5. Semester Politik und Soziologie an der Universität Augsburg. Nebenher schreibt sie für das Hochschulmagazin Presstige und für die Augsburger Allgemeine und verfolgt somit ihre Leidenschaft für das journalistische Handwerk. Momentan wohnt sie für ein paar Monate im wunderschönen Kapstadt, da sie hier ein soziales Praktikum bei der NGO Philisa Abafazi Bethu in einem der Townships ableistet.  

 

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