Tuesday, February 27, 2024
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Immer wieder Afrika – Dreizehn Monate von Hamburg nach Kapstadt – Auszug 10 –

Ostwärts durch Zaire – Peter und Ulla Wulf starten mit ihrem alten Bundeswehr-MAN, einem zum Wohnmobil ausgebauten 13 Tonnen schweren Lastwagen, im Jahre 1985 in Hamburg. Ihr Ziel ist das Kap der Guten Hoffnung. Ihr Begleiter: der Kater Niger, schnurrig, mutig und verfressen.

Ostwärts durch Zaire

Ursula Wulf – Nach vier Tagen bringt Schwester Bosko die frohe Botschaft, dass die Fähre wieder in Ordnung ist. Karl geht es viel besser, so dass wir beschließen, die Fahrt heute fortzusetzen. Wir bedanken uns noch einmal bei den Schwestern, die uns so nett aufgenommen haben, und überreichen der erfreuten Schwester Bosko ein Paket deutschen Kaffee und eine Flasche Sekt. Simone lässt eine Menge Sachen für die Klinik da, die die Schwestern sehr gut gebrauchen können. Am Mittag ist alles zusammengeräumt, wir fahren die Strecke Richtung Fähre zum fünften Mal. Kein Wunder, dass die Leute in den Dörfern uns bei jeder Durchfahrt begeisterter zuwinken: die denken wahrscheinlich, wir sind nicht ganz dicht.

In Akula ist die Fähre tatsächlich gerade mit einem Anlegemanöver beschäftigt. Zwei Lastwagen rangieren umständlich von der Fähre herunter, dann können wir an Bord fahren. Der Fährmann verlangt von uns zehn Liter Diesel. Wieso, die Zaire-Fähren sind doch gratis? Schon, schon, natürlich, aber der Sprit ist ihm ausgegangen und ohne laufen sie nun mal nicht. Peter muss ihm Recht geben und rückt den Kraftstoff raus; wir tuckern über den Mongala-Fluss.

Zwischen schnell dahintreibenden Inseln von hell lila blühenden Wasserhyazinthen beschreibt die Fähre einen großen Bogen, weil auf der anderen Seite eine Sandbank den direkten Weg versperrt. Der Fährmann rangiert mit haarsträubenden Manövern zwischen Sandbank und Ufer entlang. Doch entweder ist das Wasser zu flach oder der Fährmann zu dusselig: unheilvoll knirschend läuft die Fähre, noch einige Meter vom Anlegeplatz entfernt, auf Grund. Der Mann am Ruder versucht alles Mögliche und schont dabei das gerade instandgesetzte Gerät in keiner Weise. Die Schrauben zerfetzen Wasserlilien und wirbeln Schlamm auf, dann bewegt sich die Fähre träge von der Sandbank herunter.

Wir legen an, der Steg wird heruntergeklappt. Leider hat es nicht ganz gelangt, ein Meter Fluss muss noch durchfahren werden. Gleich danach geht es sehr steil die sandige Böschung hinauf. Fahrer und Fahrzeuge geben ihr Bestes, und so stehen wir bald oben am Pistenrand.

Der dichte Dschungel reicht nun wieder bis an den Rand der Piste, die nicht breiter ist als der MAN. Darüber, wer sich in die Büsche drücken muss, wenn sich zwei Fahrzeuge begegnen, existiert ein ungeschriebenes Gesetz in Zaire: der Kleinere. Und die meisten sind kleiner…

Nachts um drei fängt es an zu regnen und hört auch am folgenden Tag nicht auf. Die Piste ist stellenweise glatt wie Schmierseife, weil nur die Oberfläche aufgeweicht ist. An einer Steigung ist ein Zairer LKW an den Rand gerutscht und kommt aus dem Schlamm nicht mehr heraus. Peter zieht ihn zur Freude des Fahrers, der sich schon auf stundenlanges Buddeln eingestellt hatte, zurück auf die Piste und nimmt dann seinerseits den Berg in Angriff. Er kommt ein ganzes Stück weiter als der andere Lastwagen, dann reißt es auch ihn mit Macht an den abschüssigen Pistenrand. Da kann er nach rechts lenken, soviel er will, der MAN schlittert dickköpfig nach links und planiert die matschige Böschung. Wir lassen kräftig Luft aus den Reifen, was die Auflagefläche enorm vergrößert, und nach mehreren geduldigen Anläufen hat der “Eiserne Heinrich” es geschafft.

An diesem Abend findet Karl, der alte Pfadfinder, eine tiefe Grube ein Stück abseits der Piste, die uns zum Übernachten geeignet erscheint. Moskitos gibt es hier nicht, nur Nachtfalter und viele winzige grüne Hüpfer, die sich zu Dutzenden in Karl und Simones Spargelsuppe ertränken.

Sehr früh am anderen Morgen – es regnet schon wieder seit Stunden – stellen wir fest, dass die Grube langsam voll Wasser läuft; also machen wir, dass wir hinauskommen. Die Piste muss man gesehen haben: sie ist nicht breiter als der MAN und übersät mit Riesenpfützen, deren Tiefe erst zu erkennen ist, wenn der Toyota fast bis zur Motorhaube eintaucht. Nach einer Stunde sind wir genau sechs Kilometer weit gekommen.

An vielen kleinen Wasserläufen, die die Piste kreuzen, hat man unter der Piste hindurch dicke Röhren gelegt und reichlich Sand und Erde darüber geschaufelt. Bei Trockenheit die ideale Art, so ein Flüsschen zu überqueren. Nun ist es aber nicht trocken und die Erde daher aufgeweicht und matschig.

Bei einer dieser Röhrenkonstruktionen kommt der MAN ins Rutschen. An den Seiten geht es drei Meter tief herunter. Peter bremst vorsichtig und versucht, wieder anzufahren, doch der Eiserne Heinrich lässt sich in Schmierseife nicht lenken und rutscht noch mehr auf den Pistenrand zu. Vor Schreck ist mein Magen nur noch so groß wie eine Walnuss. Glücklicherweise endet die Rutschpartie kurz vor den letzten Pistenzentimetern. Wir schleppen dicke Bambusstangen heran und legen sie unter die Reifen. Nach kürzester Zeit sind wir durchnässt, denn der Regen strömt noch immer. Außerdem kommt der Matsch auf dubiose Weise flächendeckend auf die Hosen.

Die Gefahr ist gebannt, der MAN kann sich am Bambus festhalten und hat wieder festen Grund unter den Rädern. Die Bambusstauden mit ihren mindestens sechs Meter langen Stangen sind stellenweise umgestürzt und liegen auf der Piste. Hier bahnt der MAN den Weg, die überfahrenen Stangen platzen und knallen wie Gewehrschüsse. Viele Zweige schnellen durch die offenen Fenster herein; meistens können wir ausweichen. Treffer schmerzen jedoch richtig!

Um die Mittagszeit hört der Regen auf, die Sonne kommt wie eine blasse Scheibe durch den Dunst. Karl und Simone sind schon vorgefahren.

Wir kreuzen Eisenbahnschienen, müssen uns aber die Schranke (ein Bambusrohr) selbst öffnen, weil sich hier offenbar niemand zuständig fühlt. Wir haben ein paar Minuten gewartet, uns dann vergewissert, dass kein Zug kommt und sind einfach rübergefahren, nicht ohne leise über Leute zu meckern, die Schranken willkürlich schließen und sie nicht wieder öffnen. Die Afrikaner, die vor ihren Hütten stehen, gucken völlig verständnislos, wofür wir wiederum kein Verständnis haben.

Als wir das mittags voller heiliger Empörung unseren Berlinern erzählen, fangen die wie verrückt an zu lachen. Der Bahnübergang hatte nämlich überhaupt keine Schranken, das Bambusrohr haben die beiden auf die Halterungen gelegt und sich lebhaft unsere dummen Gesichter vorgestellt. Na wartet nur, drohe ich lachend Vergeltung an, aber die schickt der Himmel von allein: Karl hat einen Teller voll fein zerdrücktem Avocado Püree bereitet, alles liebevoll mit Pfeffer und Zitrone abgeschmeckt und will nur noch etwas Salz aus der handlichen Streudose dazugeben. Plötzlich löst sich der Deckel, und das Püree verschwindet unter einem 500 g Salzberg. “Har ick jrade uffjefüllt“, gibt Simone bekannt. Kreisch! Und am Allerschönsten war, dass ihm dasselbe am nächsten Tag noch mal passiert ist.

Wir überspringen wieder ein paar Buchseiten und landen weiter im Osten Zaires bei den Pygmäen.

Bei den Pygmäen

Bis wir an der Abzweigung zum Mount Hoyo ankommen, ist es dunkel geworden. Die 13 km lange Piste, die dann auf den Berg hinaufführt, wird für Peter, der eigentlich schon seit einer Stunde total kaputt ist, zu einer argen Strapaze. Nicht nur, dass der Weg von Regenfällen ausgewaschen und holperig ist. Es sind auch mehrere äußerst verdächtige Holzbrücken zu überqueren, die knapp so breit sind wie der MAN. Mit einer halben Reifenbreite fährt er über den Rand der geländerlosen Holzkonstruktion hinaus; eine Brücke gibt ein hinterhältiges Krachen von sich. Aber sie hält.

Oft fahren wir wie auf Schmierseife und schlittern von der Piste herunter, denn durch den Regen ist der Lehmboden aufgeweicht, voller Schlamm und spiegelglatt. Peter umklammert das Lenkrad; ich halte mich fest, wo ich kann und bin ganz sicher: wenn ich nicht auf jeder Wackelbrücke die Luft angehalten hätte, hätten wir es nie geschafft!

Neben der Piste glimmt hin und wieder schwach der Schein eines Feuers. Kleine dunkle Männer und Frauen, Pygmäen, halten das Feuer in Gang, springen neugierig auf und gucken, wer da im Dunkeln noch vorbeikommt.

An einer kurvigen Steigung bricht der MAN aus, die Reifen drehen durch, wir rutschen auf den Abhang zu. Peter überlegt nicht lange, weil dazu keine Zeit mehr ist. Mit dem Schlachtruf “Scheiße!” gibt er Vollgas, der MAN macht einen Satz nach vorn, die Räder greifen wieder – Uff!

Der MAN hat’s geschafft, es geht weiter bergan. Wir sind so fertig, als wären wir den Weg zu Fuß gegangen, als der Wagen sich durch dem Schlamm auf dem Vorplatz des Hotels oben auf dem Berg kämpft, zwei mindestens 30 cm tiefe Spuren hinterlassend.

Aber ach, wie hat es sich verändert! Vor fünf Jahren war der große, flache Gebäudekomplex hell erleuchtet, fröhliches Stimmengewirr kam aus dem Restaurant, die Pächterin begrüßte uns mit lustigem Schwyzerdütsch und kochte uns ein 5-Gänge Menü. Und jetzt? Wahrscheinlich ist sie zurückgegangen in die Schweiz; das Hotel wird nur noch notdürftig instandgehalten. Außer dem Portier und uns ist niemand da. Wir können auf der Wiese vor dem Hotel übernachten.

Am nächsten Morgen führt uns der Chef der Pygmäen, ein kleiner alter Mann mit einem gichtigen Knie, der sich in ein Katzenfell gehüllt hat, in sein Dorf und zeigt uns die kleinen Grashütten, in denen seine Familie lebt. Diese Hütten sind höchstens 1,20 m hoch, aber die Pygmäen kommen auch nicht über 1,40 m. Wir dürfen filmen und fotografieren; die Leute sind alle freundlich und unterhalten sich mit uns.

Wir fragen den alten Herrn nach seinem Alter: er ist erst 55 Jahre alt, sieht jedoch aus wie ein rüstiger Siebzigjähriger. Das macht wohl der Lebenswandel: er hat zwei Frauen und 15 Kinder.

Für seine Führung bekommt er, wie vorher ausgehandelt, zwei Bettlaken und eine blaue Bluse von meiner Schwiegermutter. Er verteilt die Sachen anders, als wir dachten, denn die Laken bekommen zwar seine Frauen, aber die blaue Bluse ist für ihn bestimmt, die zieht er über sein Katzenfell und präsentiert sich damit stolz seinen Leuten.
Nach einigen Tagen sind wir wieder auf der Piste nach Osten, Richtung Ruwenzori-Gebirge und Uganda.

Bis zur Uganda-Grenze waren es 2.100 Kilometer. Wir haben 30 Tage dafür gebraucht.

Mehr demnächst auf Kap Express: „Äquator, Flusspferde und hoffnungsvoller Wiederaufbau: Uganda“

Peter und Ulla
Heute leben wir (KFZ-Meister i.R. und Heilpraktikerin) in einem Dorf in der Nähe von Mölln, fahren immer noch gern nach Afrika und sind ansonsten in einem Wohnmobil nach unserem Geschmack unterwegs.

Lesen sie die ganze Story: Immer wieder Afrika, Autorin: Ursula Wulf, ISBN: 978 383 910 4750

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