Thursday, June 13, 2024
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Immer wieder Afrika – Dreizehn Monate von Hamburg nach Kapstadt – Auszug 5 –

Weiter gen Süden –  Peter und Ulla Wulf starten mit ihrem alten Bundeswehr-MAN, einem zum Wohnmobil ausgebauten 13 Tonnen schweren Lastwagen, im Jahre 1985 in Hamburg. Ihr Ziel ist das Kap der Guten Hoffnung. Ihr Begleiter: der Kater Niger, schnurrig, mutig und verfressen.

Ursula Wulf – Wieder werden einige Buchseiten übersprungen: Von Ilizi über das Fadnoun-Plateau, “… wobei die Auffahrt zum Plateau sehr abenteuerlich war, denn von der Piste, die den Berg hoch führte, waren an den Seiten große Stücke herausgebrochen … “ Von dort weiter durch das märchenhaft schöne Tassili- Gebirge nach Fort Gardel und durch das Hoggar-Gebirge über den knüppelharten Assekrem-Pass nach Tamanrasset.

Die Wulfs sind inzwischen im Süden Algeriens angekommen.

Weiter gen Süden

Vor dem Verlassen von Tamanrasset ist die Abmeldung bei der Polizei unerlässlich. Bloß bei welcher? Es gibt nämlich die Police de Ville, Police de Douane, und sicher noch ein paar mehr Polizeistellen. Da wir ja irgendwo anfangen müssen, versuchen wir es erst einmal bei der Polizei gegenüber dem Hotel. Dort sitzt ein missgelaunter Mensch, welcher auf höfliches Befragen meinerseits bekanntgibt, die für uns zuständige Polizei wäre “la bas”. Meine aufdringliche Frage “wo la bas?” bereitet ihm sichtliches Kopfzerbrechen.

Das ist wieder einmal so ein afrikanisches Phänomen: der Ausdruck “la bas”. Eigentlich ganz einfach zu übersetzen mit “da hinten”. Das kann allerdings eine Entfernung zwischen 5 Metern und mehreren Kilometern sein – der Fremde mag es selbst herausfinden. Mehr oder weniger qualifiziert erhält man auf jede Frage, die mit “wo ist” beginnt, die Antwort “la bas”, zusammen mit einer ungewiss kreisenden Handbewegung. Die meisten Afrikaner sind sehr nett und möchten gern helfen, wenn die Touristen nicht weiterkommen. Nun weiß aber nicht jeder, wo welche Einrichtungen sind, mag es nicht zugeben und schickt einen nach “la bas.” Und der nächste schickt uns wieder nach “la bas”, kreuz und quer durch die ganze Stadt. Wen wundert`s, dass ich einmal einem Afrikaner, der mich im Niger nach dem Weg fragte, die Antwort gab: “la bas”. Ich dachte mir überhaupt nichts dabei, zeigte auch mit großer Geste in die richtige Richtung, und der Afrikaner dankte freundlich und ging die angegebene Straße herunter.

Total angepasst. Hoffentlich geht das nachher wieder weg.

Bei der Police Frontieres dann schnelle und höfliche Abfertigung. Zum Zoll müssen wir auch, obwohl das Land hier noch gar nicht zu Ende ist. Da das Zollgebäude wegen der Mittagspause geschlossen ist, essen wir eben auch etwas. Peter überlegt genau, wo auf dem riesigen, leeren Zollhof wir wohl am wenigsten stören, stellt den Motor ab und freut sich aufs Essen. Kaum habe ich die Töpfe auf dem Feuer, klopft ein Zöllner an die Tür: “Hier können sie auf keinen Fall stehenbleiben! Stellen sie sich dahinten hin.” Aber gern. Peter fährt, wie gewünscht, ein paar Meter weiter.

Hmmm, so ein herrlicher Nachtisch: Birnen mit Schokoladensoße! Es klopft. Ein wesentlich wichtigerer Zöllner steht draußen, wir müssen dringend 10 Meter weiter vorfahren. Oui, Monsieur, sofort. Der Zöllner, der uns anschließend abfertigt, ist nett und freut sich über meine Versuche, arabisch zu sprechen. Die Abfertigung ist nach einer halben Stunde schon beendet; für Afrika Rekordzeit!

Wir verlassen Tamanrasset in südlicher Richtung. Der golden und rot leuchtende Sonnenuntergangshimmel heute ist so schön, dass wir schnell von der Piste herunterfahren und uns irgendwo in den Sand stellen. Zwar weht ein kalter Wind, aber die großen Reifen bieten genug Schutz, so dass wir davor auf unseren Campingstühlen das Schauspiel genießen können. Wann haben wir uns zu Hause schon einmal die Zeit genommen, einen Sonnenuntergang in voller Länge anzusehen?

Niger, der eigentlich genau wie wir tiefenentspannt in die Gegend guckte, sprintet plötzlich los und fängt eine Maus. Da Mäuse toll zum Spielen sind, lässt er sie unverletzt wieder laufen. Die beiden spielen Katz und Maus um den Vorderreifen – rechts herum, links herum – leider ist die Maus überhaupt nicht zum Spielen aufgelegt und entkommt in ein Erdloch. Da guckt Niger dumm aus der Wäsche; was hat er nur falsch gemacht? Und er ertränkt seinen Kummer in einer Dose Katzenfutter.

Zwei Tage später, ganz im Süden des Landes, zwischen Laouni und In Guezzam, gibt es einige großartige Bergformationen, vom Wind teils rund, teils zu Phantasieformen geschliffen. Wir bewundern einen Felsen, der aussieht wie ein riesiger Adler. Nach 3 km ist die Pracht vorbei und die Landschaft wieder flach.

Die harten Rüttelstrecken der Piste können wir meistens durch Weichsandfelder mit hohem Mittelhügel umgehen. Wenn Sandhügel quer zur Fahrtrichtung liegen, pflügt der MAN sie einfach unter. Die Wracks von weniger Glücklichen liegen überall verstreut; wir zählen 20 Stück an einem einzigen Tag.

Während einer Pause – wir sitzen draußen auf unseren Campingstühlen – entwickelt Niger größere Aktivitäten. Er ist ja ein sehr reinliches Tier und kann es nicht leiden, wenn irgendetwas unordentlich herumliegt. Peter verhindert gerade noch, dass seine neben dem Stuhl in den Sand gestellte dreiviertel volle Coladose verscharrt wird.

Der Kater, nicht faul, entdeckt einen Ziegenkötel und vergräbt ihn naserümpfend. Da – noch einer! Mit weitausholenden Pfotenbewegungen wird Sand darüber gehäuft. Und noch den, den auch, und den, und den… hier müssen Hunderte von Ziegen gewesen sein. Nach zehn Minuten gibt Niger auf und schleppt sich erschöpft die Leiter hinauf in den MAN. Sollen andere doch die Arbeit fertigmachen – er ist jetzt müde!

Am Nachmittag, im Grenzort In Guezzam, haben wir wieder einmal Glück: an der Tankstelle gibt es gerade Diesel, was längst keine Selbstverständlichkeit ist. So verlassen wir Algerien mit vollen Tanks, das bedeutet: mit über 1.000 Litern Sprit. Wir mussten uns in Afrika schon ein gewisses Vorratsdenken angewöhnen, was Trinkwasser und Treibstoff betrifft. Es kursieren zwar Informationen darüber, wo es das nächste Mal etwas gibt (das kann durchaus erst nach 1.500 km sein), aber sicher ist man nie.
Noch einmal müssen wir zur Polizei und zum Zoll, wo man uns schnell und höflich abfertigt und nicht kontrolliert; ein weiterer Grund, Algerien in guter Erinnerung zu behalten.

Die nun folgende Strecke zwischen In Guezzam in Algerien und Assamaka im Niger ist berühmt-berüchtigt. Jedes Fahrzeug muss hier irgendwie durchkommen, aber einige schaffen es nicht. Hier gibt es keine Straße, auch keine Piste mehr, sondern nur unendlichen Sand. Dieser Sand ist an vielen Stellen grundlos, das heißt, dass man metertief schaufeln kann und doch nie auf einen festen Untergrund stößt. Manche haben hier ihr eingesandetes Fahrzeug nicht aus-, sondern eingegraben, denn der Sand ist fein und weich und rieselt schneller nach, als man ihn wegbuddeln kann.

Auch den MAN erwischt es an einer langen Tiefsandsteigung. Fest! – jedenfalls scheint es so. Peter fährt rückwärts, was durch das Gefälle ohne weiteres möglich ist; wir lassen den Reifendruck von normalerweise 5 Atü auf 2,5 ab. Dadurch, dass nun viel weniger Luft in den Reifen ist, werden sie wesentlich breiter, so dass sich der spezifische Bodendruck des Fahrzeuges ganz erheblich verringert.

Nun merkt der “Eiserne Heinrich” den Sand nicht mehr, er dampft die Düne herauf. Von oben entdecken wir zwei eingesandete PKW, können uns nicht verkneifen, erst einmal in einem Kreis drum herumzufahren und hängen sie dann, nach kurzem Plausch mit den erleichterten Fahrern, an das Abschleppseil. Der MAN zieht einen nach dem anderen durch tiefe Buddelspuren und durch grundlosen Sand bergauf. An den Auffahrten geraten die PKW in starke Schräglage, aber es kann nichts passieren, weil sie ohnehin wie Riesenschlitten auf dem Bodenblech gezogen werden. Die Reifen haben keine Chance, auch nur ein bisschen aus dem Sand herauszuragen. Hinter den Dünen ist der Grund vorläufig wieder fest, so dass die Fahrer jetzt allein zurechtkommen.

Peter hat große begeisterte Strahle-Augen, weil sein MAN so viel kann. Dieser ist, nicht zuletzt wegen der Riesenreifen, viel geländegängiger als der doppelbereifte MAN, mit dem wir vor fünf Jahren unterwegs waren, denn bei jenem waren die Reifen wesentlich kleiner. Da half selbst die doppelte Auflagefläche der Hinterräder nichts.

Wir machen ein Stück von der Piste entfernt Schluss für heute und suchen unsere Papiere und Devisen für den morgigen Grenzübertritt in das Land Niger zusammen. Die Sonne geht unter, die Farbe der Wolken wechselt von weiß über orange zu rosa.

Eine Karawane zieht vorbei; die von Kopf bis Fuß in Djellabas aus derbem Stoff gehüllten Kameltreiber grüßen mit einer knappen Handbewegung, ohne ihre Schritte zu verlangsamen. Die Kamele gehen ruhig, majestätisch und leicht schwankend unter ihrer Last, die Schritte wirbeln kleine Staubwolken auf. Dann verschwimmen die Umrisse in der Dämmerung.

Mehr demnächst auf Kap Express: Der Auszug 6 “Begegnungen auf dem Weg nach Niamey”

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