Sunday, April 14, 2024
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Immer wieder Afrika – Dreizehn Monate von Hamburg nach Kapstadt – Auszug 4 –

Auf zu neuen Ufern –  Peter und Ulla Wulf starten mit ihrem alten Bundeswehr-MAN, einem zum Wohnmobil ausgebauten 13 Tonnen schweren Lastwagen, im Jahre 1985 in Hamburg. Ihr Ziel ist das Kap der Guten Hoffnung. Ihr Begleiter: der Kater Niger, schnurrig, mutig und verfressen.

Ursula Wulf –  Am 12. November 1985 um 12 Uhr finden wir uns am Hafen ein. Die Fähre wird schon mit Panzern und Lastwagen beladen. Um 13 Uhr darf auch Peter den MAN rückwärts in einen engen Gang im Riesenbauch der Fähre bugsieren.

14 Uhr – Abfahrtszeit! Über Lautsprecher wird durchgegeben, dass man leider erst um 16 Uhr starten könne, man bedankt sich für unser Verständnis. Dabei haben wir überhaupt keines.

Aber im Auto werden wir die Stunden schon herumbringen – dachten wir! Alle Türen zum Garagenraum sind verschlossen. Gehen wir also in den Aufenthaltsraum. Aus dem Lautsprecher links brüllt ein spanischer Sender, der mit einem anderen aus dem Lautsprecher rechts konkurriert. Wir sichern uns einen guten Platz in tiefen, weichen Sesseln am Fenster. Glücklicherweise haben wir etwas zum Lesen dabei.

Punkt 16.30 Uhr legt die Fähre endlich ab. Kaum ist sie aus der schützenden Hafenanlage heraus, muss sie durch wahre Wellenberge und -täler fahren. Wegen der schweren See tauschen wir nach einiger Zeit unseren Fensterplatz mit einem Platz in der Mitte des Raumes. Das Schiff schwankt derartig, dass wir Schwierigkeiten beim Gehen haben. Ich stolpere, aber zum Glück kommt mir ein Sessel entgegen, an dem ich mich festhalten kann.

Die ersten Passagiere werden seekrank. Brecher donnern über das gesamte Vorschiff und klatschen an die Panoramafenster. Die anderen “Brecher” geben ihr Essen von sich, wo sie gerade gehen und stehen. Wir sitzen mittendrin und fühlen uns nicht gerade großartig, was bei den Geräuschen rundherum und dem Geruch, der sich langsam ausbreitet, nicht verwunderlich ist. Allerdings werden wir nicht seekrank, langweilen uns nach ca. acht Stunden Fahrt ganz erheblich, werfen noch einen mitleidigen Blick auf die Dame neben uns mit der Tüte vor dem Gesicht – und essen ein paar leckere Kekse. Schließlich kann man nicht die ganze Zeit lesen!

Die Fähre macht um 23 Uhr im Hafen von Melilla, einer spanischen Enklave in Marokko, fest. Wir stellen uns irgendwo in der Stadt einfach an den Straßenrand und gucken im Aufbau nach, wie es dem Kater geht. Niger liegt tiefenentspannt unter unserer Bettdecke und öffnet zur Begrüßung verschlafen ein halbes Auge, bevor er sich wieder zusammenrollt.

Wir übernachten gleich an dieser Stelle und freuen uns, dass die Schaukelei vorbei ist.

Afrika!

Diverse Reiseführer hatten uns vorgewarnt: mit einem algerischen Visum im Pass bekommt man in Marokko Schwierigkeiten. Und: für das Fahren mit einem schweren LKW in Richtung Algerien muss bei der Deutschen Botschaft in Tanger eine Ausnahmegenehmigung beantragt werden. Da wir diese Genehmigung trotz langwieriger Bemühungen nie erhielten und in unseren Pässen unübersehbar das algerische Visum prangt, machen wir uns auf einiges gefasst.

Der Zöllner weiß das alles nicht, daher ist die Einreise nach Marokko unproblematisch und – für afrikanische Verhältnisse – sehr schnell: sie dauert aufgrund der ganzen Formalitäten nur zwei Stunden. Man muss hier eben etwas umdenken.

Durch eine trockene, karge Hügellandschaft im Norden Marokkos führt die Straße nach Algerien.

Wir überspringen die Reise von der algerischen Grenze (an der es übrigens vier Stunden zähe Verhandlungen brauchte, bis wir einreisen durften und wohl nur meine rudimentären Kenntnisse der arabischen Sprache uns gerettet haben… aber mehr darüber im Buch…)  über Ghardaia und Ouargla.

Die Sahara – der Garten Allahs

Langsam kündigt sich die Wüste an. Zuerst nur mit kleinen Sandhäufchen, die sich im Schutz vereinzelt stehender Grasbüschel angesammelt haben; dann mit immer größer werdenden Verwehungen. Schließlich erscheinen weit vorn am Horizont riesige Sanddünen. Dort steigt der Rauch der ewigen Feuer von Hassi-Messaoud auf, dem Zentrum der algerischen Erdölgewinnung. Vom Ort selbst sehen wir beim Durchfahren eigentlich nur Arbeitercamps, gigantische Erdöltanks und mehrstöckige Wohnhäuser, an denen noch gebaut wird. Hier sind auch die riesenhaften Kenworth Wüstentrucks stationiert, die für Gerätetransporte größeren Ausmaßes benötigt werden. Daher gibt es in Hassi-Messaoud die interessantesten Verkehrsschilder, die wir je gesehen haben: „Durchfahrtshöhe 10 Meter“

In einiger Entfernung rechts und links von der Straße türmen sich die Sandmassen zu hohen, wunderschönen gelben Dünen. Im Gassi Touil rücken sie näher an die Straße heran. Das Gassi ist nur ein Einschnitt im Sandmeer der Sahara; dahinter beginnen die unendlichen Dünen des Grand Erg Oriental. Da müssen wir hin! Peter lenkt den MAN im rechten Winkel von der Asphaltstraße herunter.

Durch das Motorgedröhn höre ich von Peter einen zwar unvollständigen, aber schwer begeisterten Satz über Geländeuntersetzung, daher zwölf Vorwärtsgänge, doppelte Kraft – aber ich habe sowieso immer das Gefühl, auf einem fahrenden Kraftwerk zu sitzen. Einfach unvergleichlich!

Der MAN schiebt sich durch tiefer und weicher werdende Verwehungen des goldgelben Sandes, die Geschwindigkeit nimmt rapide ab, die großen Reifen sinken immer weiter ein. Peter, der schon längst seine „eisernen Hebel“ (Geländeuntersetzung und Allrad) gezogen hat, strahlt über das ganze Gesicht und schaltet noch dreimal zurück. Nur noch mit 4 km/h, aber mit schier unglaublicher Kraft fährt der MAN über Sanddünen, durch Weichsandfelder, um zwei hohe Sandberge herum bis ins nächste, parallel zum Gassi Touil laufende Tal. Da wir sehr hoch sitzen, können wir weit gucken, was besonders bei der Suche nach einem Übernachtungsplatz von Vorteil ist. „Siehste“ freut sich Peter, „wenn du irgendwo einen schönen Platz siehst, fährst du einfach hin!“
Schon längst sind die gelegentlich vorbeifahrenden Lastwagen nicht mehr zu hören. Eine ca. 200 m hohe Düne bildet einen U-förmigen Ausläufer, in dem wir geschützt stehen können. Dort, wo der Wind den Sand vom festen Untergrund fortgeweht hat, liegen kleine, an den Kanten rund geschliffene Stücke von Straußeneierschalen, ein Beweis dafür, dass die Wüste in grauer Vorzeit einmal voller Leben war. Selbst jetzt gibt es noch Tiere, die sich dem extremen Klima angepasst haben: im Sand erkennen wir die Spuren von Wüstenspringmäusen und Käfern. Niger legt sich vorsorglich auf die Lauer.

Es ist vollkommen still. Noch nicht einmal das Summen von Mücken ist zu hören – hier gibt es keine. Die Sonne geht unter, es wird kühl. Die Luft ist klar und sauber; am immer dunkler werdenden Himmel erscheinen nach und nach so viele Sterne, wie wir zu Hause nie gesehen haben. Der Vollmond geht riesengroß und orangerot auf, steigt immer höher und ist bald so hell, dass wir deutliche Schatten werfen.

Ich laufe eine niedrige Düne hinauf, breite oben die Arme aus und habe das Gefühl, ich könnte herunterfliegen, so leicht und frei fühle ich mich! Es ist, als wären wir ganz allein auf der Welt, und alle Alltagssorgen schrumpfen zusammen, bis sie nicht mehr zu sehen sind. In Momenten wie diesem werden wir uns bewusst, wie unwichtig die Probleme und Problemchen doch sind, die im “zivilisierten Leben“ oft eine große Rolle spielen. Wir haben von dieser tiefen, inneren Ruhe etwas in uns bewahrt und werden, viel später in Hamburg, fassungslos daneben stehen, als sich zwei Autofahrer um einen Parkplatz streiten.

Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, kraxeln wir auf die höchste Düne. Das ist gar nicht so schwer, weil der Sand recht fest ist. Von oben haben wir einen herrlichen Ausblick auf das riesige Sandmeer des Grand Erg Oriental, das von breiten Tälern durchzogen ist. Ganz weit unten steht winzig klein der MAN. Viele Spuren von Eidechsen, Käfern und Wüstenspringmäusen ziehen sich über die Dünen. Erstaunlich viele trockene Büsche mit grünen Spitzen wachsen auf den hohen Sandbergen. Im Wurzelwerk haben sich Mäusefamilien ihre Höhlen gegraben.

Die algerische Sandwüste

Mit Volldampf nach Süden

Wir verbringen ein paar Tage hier in der sandigen Einsamkeit. Natürlich gibt es auch einiges zu tun: Niger zum Beispiel ist im gestressten Dauereinsatz, weil es so viel Wild zu belauern gibt. Sehr zu seinem Missfallen fängt er nichts. Peter muss bei der MAN-Wartung 104 Schmiernippel abschmieren und ich darf dann nachher die ganze Wäsche waschen. Hauptsächlich genießen wir aber die Stille der Wüste, freuen uns über die je nach Lichtverhältnissen wechselnden Farben des Sandes, über die warme Sonne, die nur um die Mittagszeit ein bisschen zu heiß wird, und über den endlosen Sternenhimmel.

Wir sind oft gefragt worden, was denn das Besondere an dieser “öden, trockenen, langweiligen Wüste” ist, und wissen inzwischen, dass es kaum möglich sein wird, eine solche Frage zufriedenstellend zu beantworten.

Die Wüste ist, einem arabischen Sprichwort zufolge, “der Garten Allahs, aus dem dieser alles überflüssige Leben entfernt hat, um in Ruhe spazieren gehen zu können.” Sie fasziniert durch die Abwechslung von schwarzen Mondlandschaften und scheinbar endlosen Sandmeeren mit immer wieder anders geformten Dünen, deren heller Sand in der Nachmittagssonne so eine schöne goldene Farbe bekommt. Sie bietet einer Vielzahl von Lebewesen Schutz, wie zum Beispiel Eidechsen, Käfern, Wüstenspringmäusen und Gazellen. In den Bergregionen der Sahara leben Fische in natürlich entstandenen Wasserbecken. Die Wüste gibt den Menschen Wohnraum, die bereit sind, hart zu arbeiten und immer wieder, ein ganzes Leben lang, die Oasen vor den eindringenden Sandmassen zu schützen. Und sie tötet jeden, der sie nicht ernstnimmt.

Alle, die einmal aus Neugier und dann immer wieder fahren, stellen die Frage nach dem Sinn einer Wüstenfahrt nie mehr.

Mehr demnächst auf Kap Express: Der Auszug 5 “Weiter gen Süden”

Peter und Ulla
Heute leben wir (KFZ-Meister i.R. und Heilpraktikerin) in einem Dorf in der Nähe von Mölln, fahren immer noch gern nach Afrika und sind ansonsten in einem Wohnmobil nach unserem Geschmack unterwegs.

Lesen sie die ganze Story:

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