Wednesday, February 28, 2024
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Bilderbuch der deutschen Seele

“Schlaraffia ist die innige Gemeinschaft von Männern, die in gleichgesinntem Streben die Pflege der Kunst und des Humors unter gewissenhafter Beachtung eines gebotenen Ceremonials bezweckt und deren Hauptgrundsatz die Hochhaltung der Freundschaft ist”.

Von Ludger Pooth – So steht es, in schönstem Vereinsdeutsch, im ersten der 65 Paragraphen des schlaraffischen Gesetzbuchs. Dahinter aber steht die Geschichte der exzentrischsten Vereinsgründung des 19. Jahrhunderts, ein kurioses Kapitel aus dem Bilderbuch der deutschen Seele. Geschichte der Schlaraffia
Am Anfang war ein Stammtisch. Im Wirtshaus “Beim Freund” in Prag verkehrte 1859 eine Gruppe von Musenjüngern, die sich als “Proletarier-Club” von der Künstlergesellschaft “Arkadia” abgespalten hatte. Die Sezessionisten nannten ihre Tafelrunde “Schlaraffia”. Was das Wort bedeutet, wissen die Schlaraffen bis heute nicht. Aber seitdem haben sie eine eigene, schlaraffische Zeitrechnung: Für sie gibt es kein 2012, sondern nur a. U. (anno Uhui)153, das 153. Jahr seit Gründung der “Allmutter Praga” in Prag Als Schutzpatron wählten sie den Uhu, ein eher ungeselliges Tier, das seit Athenes Zeiten auftaucht, wenn es um die Künste und andere Eulenspiegeleien geht. Auf ihren Sitzungen kultivierten die Prager Nachtvögel eine altertümliche Sprechweise und ein pompöses Zeremoniell. Harmloser als jene nach der Jahrhundertwende spielten auch die Schlaraffen den Bürgerschreck. Enttäuscht von der Restauration nach 1848, verbittert über Ämter- und Adelsdünkel der böhmischen Landeshauptstadt persiflierten die Schlaraffen hohle Formen der bürgerlichen Gesellschaft. Es war eine introvertierte Revolte, eine Flucht nach innen, aus der profanen Welt in ein ideales Mittelalter. „Schlaraffia“, das war Ritterkult und zugleich Karikatur, romantische Sehnsucht, durch romantische Ironie gebrochen, eine ästhetische Reaktion auf den Zeitgeist. Dies ist der politische Hintergrund eines scheinbar so unpolitischen Vereins. Bald gab es die ersten Filialen: 1865 die “Berolina”, 1872 die “Lipsia” in Leipzig. Unaufhaltsam pflanzte der Uhubund sich fort, bis Reval, San Francisco und Shanghai. Im Jahre 1914 umfaßte “Allschlaraffia” 197 „Reyche“, allein 16 in Amerika. Aus dem Prager Kulturbund war ein Weltbund geworden. Als das Dritte Reich anbrach, hatten die Schelmen-Reyche nichts mehr zu lachen. Ihre weltweiten Verbindungen, ihre rätselhaften Rituale und humanistischen Ideale, das alles war den Nazis tief suspekt. Trotz arischer Anbiederungsversuche mancher Schlaraffen wurde ihr Bund 1935 “freiwillig” aufgelöst, im selben Jahr wie die Freimaurerlogen. Es gab auch Zeiten, da hatte die katholische Kirche Schwierigkeiten, das Heilige und das Humoristische zu trennen. Die kauzige Formel beim Ritterschlag: “Im Namen des Uhu, Aha und Oho”- war das noch Parodie oder schon Blasphemie? Im Jahr 1938 verfügte Papst Pius XI.: „Illam associationem a catholicis non esse frequentandam”, Katholiken sollen keine Schlaraffen sein. Inzwischen sind längst Priester und Ordensbrüder im Uhubund: Es heißt aber, der Vatikan habe sein Verdikt  bis heute offiziell nicht zurückgenommen. Die “uhufinstere Zeit”, wie Schlaraffen die Diktatur der Nazis nennen, setzte sich fort in den “uhufinsteren Ländern” der ehemaligen „DDR“ und anderen sozialistischen Staaten. Von Leipzig bis Prag, von Breslau bis Budapest in ihren alten Hochburgen waren die Schlaraffen bis kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verboten. Viele der alten Reyche im Osten blühten wieder auf und sind bis heute aktiv, allerdings nicht Allmutter „Praga“ Die Sprache der Schlaraffen In den Sippungen wird das Sie und das Du durch das Ihr und den Ritternamen ersetzt. Von Anbeginn des Bundes an wurde eine altertümelnde Sprechweise gepflegt, mittelhochdeutsche Substantive oder erfindungsreiche Wortschöpfungen. Beispiele: Bier = Quell Wein = Lethe Getränk, trinken = labung. laben Speise, speisen = Atzung, atzen Geld =    Mammon Feuerzeug = Brandfackel Pfeife = Schmauchtopf Geige = Seufzerholz Cello = Kniewinsel Ehefrau = Burgfrau, Schwiegermutter = Burgschreck Schlaraffe werden – aber wie? Sie werden in die Burg, der Heimstätte der Schlaraffen eingeladen und Sie erleben als Pilger eine Sippung, wie die Zusammenkünfte heißen, und probieren ohne Verpflichtung aus, ob die humorvolle Lebensauffassung Ihr Interesse findet. Nach dreimaliger Pilgerschaft stellen Sie einen Aufnahmeantrag und sind dann Prüfling für sechs Sippungen. Nach dieser Zeit werden Sie zum Schlaraffen gekugelt (gewählt). Nach der Knappen- und Junkerzeit erfolgt der Ritterschlag. Sie erhalten dann Ihren Ritternamen, mit dem Sie für Ihre ganze zukünftige Schlaraffenzeit angesprochen werden. Schlaraffen in Kapstadt: Die Kunst geistreichen Blödsinns
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