Monday, April 22, 2024
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„Wir wollen mit unserer Musik ein Gespräch von Seele zu Seele führen”

Auf Einladung des Deutschen Generalkonsuls in Südafrika, Hans-Werner Bussmann, gastiert zur Zeit das Bundesjuristenorchester (BJO) mit 48 Musikern in Kapstadt.

Anläßlich der deutschen Kulturwochen, die von Anfang Oktober diesen Jahres bis Ende Februar 2011, gibt das BJO mehrere Konzerte. Das Orchester, das 2002 von dem Essener Rechtsanwalt Dr. Frank Roeser gegründet wurde und dessen Hauptsponsor die Hans Soldan GmbH ist, zählt heute insgesamt rund 80 Hobby-Musiker. Dirigent ist Klaus-Peter Modest, ein Absolvent der Franz-List-Musik Schule,Weimar.

Orchestersprecher Carl Jochen VielhabenDem Sprecher, Carl Jochen Vielhaben, stellte Kap Express Redakteurin Monika Kohut im Rahmen eines Telefoninterviews 15 Fragen.

1. Kap Express: Herr Vielhaben: Am 16. Juni 2005 äußerte ein damaliges Mitglied des Orchesters gegenüber dem Weser Kurier, das BJO sei „kein Verein, sondern ein loser Haufen.“ Dieses Statement impliziert – willentlich oder unwillentlich eine ungeordnete, wenn nicht sogar chaotische Organisationsstruktur. Wie stehen Sie heute zu dieser Aussage, und was hat sich seit damals für respektive im BJO geändert?

C.J. Vielhaben: Seinerzeit gab es leider noch sehr viel Kleinkrämerei und Gerangel. In der Folge sind rund zwei Viertel der damaligen Musiker aus dem Orchester ausgeschieden. Heute sind wir ein fünfköpfiges Leitungsteam mit klar definierten Zuständigkeitsbereichen, wie zum Beispiel Finanzen oder auch Presse- und PR. Darüber hinaus sind unser Eigenanspruch und die Erwartungshaltung des Publikums wesentlich höher als damals. Aber nach wie vor steht der Spaß-Faktor bei uns im Vordergrund.

2. Kap Express: Ihr Orchester hat rund 80 Mitglieder, die aus allen Teilen der Bundesrepublik kommen. Diese hohe Zahl lässt vermuten, dass Sie ein Rotationsprinzip haben. Ist das richtig?

C.J. Vielhaben: Nein, es geht um die Verfügbarkeit der Musiker zum nächst anstehenden Konzerttermin, der in der Regel, ebenso wie das Programm, von den einladenden Städten, Organisationen oder Institutionen vorgegeben wird. Sobald wir die entsprechenden Anfragen und Vorgaben erhalten haben, wenden wir uns an diejenigen Orchestermitglieder, die die entsprechenden Instrumente spielen und klären, ob sie ihre Teilnahme zeitlich einrichten können.

3. Kap Express: Wie läuft die Akquisition und Selektion dieser Musiker ab? Welche Qualitäts-Maßstäbe legen Sie an?

C.J. Vielhaben: Wir schalten keine Anzeigen, denn die lokale und regionale Presse berichtet ja immer über unsere Konzerte. In letzter Zeit kamen auch noch Artikel in einer juristischen und einer steuerrechtlichen Fachzeitschrift hinzu. Dank all dieser Publikationen haben wir keine Nachwuchsprobleme. So konnten wir zum Bespiel einen jungen Richter, der im Finanzministerium in Baden-Württemberg tätig ist, für unser Orchester gewinnen. Er wird bei den anstehenden Konzerten die erste Oboe spielen, alterierend mit einem jungen Kollegen, der hier studiert und bisher nur die zweite Oboe gespielt hat. Auch die Produktion unserer Live CDs, die mit einer Auflage von mindestens 1000 Stück von der Hans Soldan GmbH vertrieben werden und unsere Website haben eine hohe Werbewirkung. .

Bei uns gibt es kein Vorspielen. Vielmehr werden die Interessenten gebeten, an den Proben teilzunehmen, damit sie ihrem Instrument und Spiel entsprechend sofort ins Orchester integriert werden. Die Noten, die von den Profis eingerichtet worden sind, bekommen sie vorab, wie alle anderen Musiker übrigens auch, zum Üben zugesandt.
Der Begriff “Einrichten” bedeutet, dass zum Beispiel der Auf- beziehungsweise Abstrich allen Streichern genau vorgegeben wird. Die Erfahrung zeigt, dass die mit zwei Überfleißigen genauso gut spielen wie mit einem Überfleißigen.

4. Kap Express: Sie studieren jedes Jahr ein neues Programm ein mit jeweils zwei Probephasen. Wie lange dauern diese Proben?

C.J. Vielhaben: Immer von Donnerstag Nachmittag bis Sonntag Nachmittag, also netto drei Tage. Wir versuchen den zweiten Probetermin so zu legen, dass das Konzert maximal sechs bis acht Wochen später statt findet.

5. Kap Express: Wer übernimmt die Kosten für Anreise, Unterbringung, Verpflegung etc.?

C.J. Vielhaben: Diese Kosten tragen die Orchestermitglieder selbst. Bei uns ist also viel Idealismus gefragt. Unser Sponsor zahlt nur die Profihonorare, also die der Solisten. Für die Musiker, die noch studieren und nicht über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, sammelt unser Ombudsmann das fehlende Geld ein. Der oder die Namen der Empfänger werden aber nicht bekannt gegeben.

6. Kap Express: Sie proben immer wieder in anderen Städten. Nach welchen Kriterien wählen Sie diese aus?

C.J. Vielhaben: Eine wesentliche Voraussetzung ist, dass die Unterbringung das Preisniveau einer Jugendherberge nicht überschreitet. Wenn dem so ist, versuchen wir in der Region zu proben, in der das nächste Konzert stattfinden wird. Die zweite Voraussetzung ist, dass ein geeigneter Raum oder Saal für die Proben vorhanden ist. Wenn diese Bedingungen nicht gegeben sind, hören wir uns in unseren Netzwerken um und proben dann dort, wo die Rahmenbedingungen stimmen.

7. Kap Express: Die Erlöse aus Ihren Konzerten gehen prinzipiell nur an Non-Profit-Organisationen und soziale Einrichtungen. Wer sucht diese aus, und welche Kriterien sind für diese Wahl ausschlaggebend?

C.J. Vielhaben: Die entsprechenden Vorgaben kommen zumeist vom Einladenden. Wichtigstes Kriterium ist immer der direkte Bezug zum Austragungsort des Konzertes. Allerdings können wir die Einnahmen nicht zu 100 Prozent spenden, denn um eine professionelle Struktur zu gewährleisten brauchen wir “Korsettstangen” im Orchester, und die müssen bezahlt werden.

8. Kap Express: Wie konstituiert sich Ihre Programmplanung und Ihre jeweilige Besetzung, insbesondere die der Solo-Parts? Erst Programm und dann Besetzung, oder erst Check der Verfügbarkeit und dann Programmgestaltung?

C.J. Vielhaben: Für den 20. März 2011 sind wir nach Düsseldorf eingeladen. Der dortige Lyons Club wünscht sich für dieses Konzert die Integration des Düsseldorfer Jugendchores und eines lokalen Pianisten. Das sind Vorgaben, die die Programmgestaltung und Orchesterbesetzung maßgeblich bestimmen.

9. Kap Express: In der Broschüre des Generalkonsulats heißt es, dass das BJO bereits mehrfach im Ausland gastiert hat. In Ihren Unterlagen wiederum heißt es, dass diese Reise nach Südafrika Ihre erste Auslandreise ist. Welche Aussage ist die richtige?

C.J. Vielhaben: Rund 50 bis 60 Prozent der Musiker des BJO sind auch in der Deutschen Akademischen Philharmonie engagiert und sie, sowie Professor Modest haben bereits mehrfach im Ausland gastiert, unter anderem im Sudan, Sudan, Cyprus und Usbekistan. Für das BJO als solches ist diese Reise allerdings die erste in Ausland.

10. Kap Express: Es gibt ein Pre-WM und ein Post-WM Image von SA. Welches Bild hatten Sie vor der WM von Südafrika, und mit welchem Bild beziehungsweise welchen Erwartungen sind Sie nach Kapstadt gereist?

C.J. Vielhaben: Unsere Erwartung war in ein demokratisch strukturiertes Land zu kommen, das sicher noch nicht perfekt ist und auch weiterhin noch Probleme haben wird, das sich aber kontinuierlich weiterentwickelt. – Zweifellos hat sich das Image von Südafrika durch die Austragung der WM deutlich verbessert, und auch unsere Vorstellungen sind natürlich geprägt von den positiven Bildern, die die Fernsehsender weltweit übertragen haben. Dabei muss man natürlich einräumen, dass Kapstadt sicher nicht repräsentativ für ganz Südafrika ist. Dennoch – Südafrika ist ‚Äödas‚Äô Vorzeigeland des Schwarzen Kontinents. Allerdings wären wir auch unter kritischeren Voraussetzungen her gekommen, denn wir haben ja eine Mission: Wir wollen mit unserer Musik ein Gespräch von Seele zu Seele führen.

11. Kap Express: Sie sind gerade erst angekommen. Dennoch – was sind Ihre ersten Eindrücke?

C.J. Vielhaben: Tatsächlich haben wir bis jetzt nichts Irritierendes wahrgenommen oder erlebt, sondern nur Positives. Insbesondere die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen sind auffallend.

12. Kap Express: Wo sind Sie untergebracht?

C.J. Vielhaben: Wir sind im Ritz Hotel in Seapoint untergebracht, und auch dort waren wir von der Freundlichkeit und Service-Orientiertheit beeindruckt: Als wir morgens um 05.30 Uhr im Hotel ankamen, wurden wir sofort ohne warten zu müssen völlig reibungslos eingecheckt. Das ist meinen Erfahrungen nach keine Selbstverständlichkeit.

13. Kap Express: Sie werden ein Rahmenprogramm haben. Was sind die Inhalte?

C.J. Vielhaben: Wir wollen natürlich möglichst viel von der Kapregion sehen, trotz der Kürze unseres Aufenthaltes. So stehen der Tafelberg, Robben Island, Kirstenbosch und der Besuch eines Weingutes mit Weinprobe in Stellenbosch auf unserer Programmliste. .

14. Kap Express: Wer hat das Programm für Sie zusammengestellt? Und hatten Sie Einfluß auf die Zusammenstellung? Konnten Sie individuelle Wünsche/ Präferenzen einbringen? Wenn ja, welche und warum diese?

C.J. Vielhaben: Wir haben eine Kollegin mit dieser Aufgabe betraut. Zusammen mit einer Dame des Generalkonsulats hat sie das Programm zusammengestellt. In Anbetracht der Tatsache, dass das Orchester insgesamt ja nur vier Tage vor Ort ist, müssen wir uns leider auf die wichtigsten Sehenswürdigkeiten beschränken.

15. Kap Express: Herr Generalkonsul Bussmann hat in seinem Grußwort für das Programmheft von Gemeinsamkeiten der beiden Länder gesprochen. Zitat in der Übersetzung: „Dennoch, beide Nationen haben mehr Gemeinsamkeiten.“ Abgesehen von den beiden 20-jährigen Jubiläen, welche weiteren Gemeinsamkeiten gibt es Ihrer Meinung nach?

C.J. Vielhaben: Ich habe ja schon zum Ausdruck gebracht, wie beeindruckt nicht nur ich, sondern das gesamte Orchester von der Freundlichkeit und Dienstbeflissenheit des Servicepersonals hier ist. Aus meiner Sicht entwickeln sich beide Länder mehr und mehr zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Hier in Kapstadt habe ich eine erstaunlich große Anzahl von Menschen angetroffen, die mir selbstbewußt, also auf Augenhöhe begegnet sind. Das empfinde ich als sehr angenehm. Und auch in der Bundesrepublik ist eine zunehmende Freundlichkeit und Kundenorientiertheit in diversen Dienstleistungsbereichen festzustellen.

Eine weitere Gemeinsamkeit sehe ich darin, dass beide Länder in ihren Regionen Zuglokomotiven sind und das mit erweiterten geographischen Verantwortungsbereichen, nämlich Südafrika für ganz Sub-Sahara-Afrika und Deutschland für den gesamten europäischen Osten.

Kap Express: Herr Vielhaben, vielen Dank für dieses Gespräch!

Kap Express dankt dem Deutschen Generalkonsulat für die Vermittlung und die Organisation dieses Interviews.

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