Wednesday, February 28, 2024
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HomeKultur„Das besondere Wesen der Kunst ist, dass sie heilt und vereint“

„Das besondere Wesen der Kunst ist, dass sie heilt und vereint“

Monika Kohut trifft Marlene Le Roux, Director for Audience Education & Development im Artscape Theatre, Kapstadt.

Mein Termin mit Marlene Le Roux ist vereinbart für den Tag nach ihrer Rückkehr aus Schweden, wo sie am “Weltgipfel für Kinder- und Jugendmedien” teilgenommen hat. Marlene gehört zu den Menschen, die einen Raum betreten und ihn vollkommen ausfüllen mit ihren Stimmen, ihrer Art zu lachen, ihrer Körpersprache und nicht zuletzt auch ihrer Kleidung. Auf den ersten Blick erscheint sie außergewöhnlich extrovertiert. Sobald sich jedoch die Tür hinter uns geschlossen hat, erlebe ich eine Frau, die leise, nachdenklich, engagiert, pragmatisch und vor allem sehr stark ist. Ihre arme Herkunft, ihre körperliche Behinderung (verursacht durch Kinderlähmung im Babyalter) und ihren behinderten Sohn erwähnt sie nur kurz. Es ist offensichtlich, dass dies akzeptierte Fakten ihres Lebens sind; aber genauso offensichtlich sind sie aus ihrer Sicht kein Anlass für Mitleid oder eine umfassendere Themenbehandlung. Marlene Le Roux betrachtet sich selbst als “privilegierte” Frau. Sie ist dankbar für die Chancen, die sie bekommen hat, und für das, was sie im Leben erreichen konnte. “Wir, die wir Glück hatten, haben die Verpflichtung der Gesellschaft etwas zurückzugeben”.

Für diese Mission nutze sie das Artscape Theatre als Vehikel, erklärt sie mir. “Als Direktorin für Publikumserziehung und Entwicklung sehe ich meine übergeordnete Aufgabe darin, Menschen ins Theater zu holen, aber auch das Theater zu den Menschen zu bringen”. Dabei gelte ihr Augenmerk vor allem jungen Menschen, die in Townships leben. Sie glaube fest daran, dass sie auch zur Einheit Südafrikas beitrage, wenn sie mittels ihrer Programme helfe, den Menschen Selbstwertgefühl zu geben, gegenseitigen Respekt zu fördern und so die Wunden der Vergangenheit zu heilen.

Nach und nach ist es ihr gelungen, für ihre Projekte Unterstützung aus der Geschäftswelt zu erhalten. “Nehmen wir beispielsweise die Transportbranche. Ich habe meinen Partnern hier klar gemacht, dass ich ihnen einen “Win-Win-Deal” anbiete, denn wenn sie mir ihre Busse für meine sozialen Projekte zur Verfügung stellen, können sie staatliche Subventionen beantragen. So funktioniert das.” Die Vorstellungen, Unterrichtsstunden und Seminare finden in jedweder verfügbaren Räumlichkeit statt, sei es eine Kirche, eine Schule oder ein anderes öffentliches Gebäude. “In diesem Umfeld kann man nicht wählerisch sein; wir haben gelernt “ad hoc” jedes Gebäude unseren Bedürfnissen und Erfordernissen entsprechend umzugestalten”.

Vor einigen Jahren, so erzählt sie weiter, sei sie aktiv in der Politik gewesen. Irgendwann habe sie jedoch erkannt, daß sie ihr Mandat aufgegeben müsse, wenn sie “völlig ungebunden und frei” sein wollte. Dann erläutert sie, warum sie die soziale und politische Situation in ihrem Land so sehr beunruhigt. “Fakt ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Und glauben Sie mir, diejenigen, die nichts haben sind sich dieser Tatsache voll bewusst, und sie empfinden ihr Los als schreiende Ungerechtigkeit”. Es sei leider nach wie vor nicht gelungen, die Regenbogennation zu werden, von der man geträumt habe als Südafrika 1994 eine Demokratie wurde. “Tatsächlich denken die meisten von uns immer noch in den althergebrachten Mustern, wenn es um die Hautfarbe geht. Und sie gesteht, dass auch sie sich hier nicht ausnehmen könne. So habe sie sich wiederholt dabei ertappt, in die ihr vermittelten Denkmuster verstrickt zu sein, als sie ihre kleine Tochter zu Beginn der Schulzeit inmitten ihres “bunt” gemischten Freundeskreise erlebt habe. Gleichzeitig aber sei ihr auch bewusst geworden, dass sich mit dieser neuen Generation und ihrem unorthodoxen Miteinander die Dinge tatsächlich endlich zum Besseren wenden könnten.

“Wir brauchen dringend ein anderes Bewusstsein in unserem alltäglichen Leben”, fordert sie. “Wenn wir ins Ballet gehen, denken wir dort über die kulturelle Herkunft der Primaballerina nach? Oder beurteilen wir die Leistung der Musiker in einem Konzert nach ihrer Rasse oder Hautfarbe? Sicher nicht, und das zeigt, dass die Kunst Brücken baut und Nationen, Kulturen und Rassen verbindet, denn ihr Wesen ist heilend und vereinigend”.

In gleichem Maße wie für Minderpriviligierte engagiert sich Marlene le Roux für eine anti-rassistische und anti-sexistische Gesellschaft mit demokratischen Werten, sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten. Ein großes Anliegen ist ihr, die Stellung der Frauen zu verbessern, nicht nur in der afrikanischen Gesellschaft, sondern auch im internationalen Kontext. 2007 initiierte sie das “Women”s Festival”, das seither jährlich im Artscape Theatre statt findet; zuletzt vor einigen Wochen mit vier Bühnenproduktionen und 13 Workshops unter der Leitung der renommierten Sexologin Dr. Marlene Wassermann statt. Thema: “Verantwortungsbewusst lieben”.

Im Laufe ihrer Karriere ist Marlene Le Roux mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt worden, unter anderen im Jahre 2001 mit dem “Desmond Tutu Legendary Award”. Sechs Jahre später wurde sie zum Ehrenmitglied des “Golden Key Chapter” ihrer Alma Mater, der Universität Stellenbosch ernannt. Hier hatte sie Management studiert. Darüber hinaus absolvierte Marlene ein Studium der Erziehungswissenschaften an der University of Western Cape.

Das Artscape Theatre in Kapstadt wurde 1972 eröffnet als Nico Malan Theatre Centre. Im Jahr 2001 wurde der Komplex umbenannt in “Artscape”. Das “Cape Performing Arts Board” (CAPAB), ein Ausschuß, der seine Wurzeln in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat, führte das Haus bis 1994 mit dem Ziel, die darstellenden Künste zu fördern. Angeboten wurden Programme und Produktionen in den Bereichen Orchestermusik, Oper, Ballet und Drama. 1994 wurden alle Institutionen der darstellenden Künste unabhängig und in sogenannte Spielhäuser umgewandelt. 1999 ersetzte Artscape das CAPAB und managt seither die verschiedenen Abteilungen des Theaters, zudem bietet Artscape technische und andere Dienstleistungen auf semi-kommerzieller Basis an. Der Schwerpunkt liegt auf einer nachhaltigen Theaterpraxis, Erziehung sowie Entwicklung der darstellenden Künste. Das Artscape Theatre genießt den Ruf, die progressivste Institution seiner Art in ganz Südafrika zu sein. Mehr Informationen sind zu finden unter: www.artscape.co.za

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