Saturday, May 25, 2024
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Südafrika aus der dörflichen Perspektive

Die Transkei-Siedlung Nqileni an der Wildcoast lockt mit unberührter Natur und aufgeschlossenen Bewohnern

Von Christian Selz – Der Blick hinunter ins Tal des Bulungula-Flusses ist wie eine Erlösung. Nach zweieinhalb Stunden auf holprigen Staubstraßen ist die gleichnamige Lodge hier erstmals in Sichtweite – und nur noch eine einstündige Wanderung entfernt. “Das Paradies ist per Definition schwer zu erreichen!”, lässt die Website der Herberge direkt am Indischen Ozean mit einem Augenzwinkern wissen.

In der Tat: Bulungula ist vermutlich das am weitesten von moderner Infrastruktur abgelegene Feriendomizil Südafrikas. Doch längst nicht nur das macht es so besonders.

“Ihre Türen brauchen Sie nicht abzuschließen, denn es gibt hier keine Kriminalität”, sagt die Lodge-Leiterin Liesl Benjamin den Gästen auf der Begrüßungstour. In
Südafrika klingt das zunächst wie ein schlechter Witz, doch hier in Nqileni ist es wahr. Schon das Gepäck lassen die Urlauber am Parkplatz in einer offenen Rundhütte zurück, der Jeep der Lodge bringt es am späten Nachmittag nach. Wer nicht wandern mag, kann auch mitfahren. Eine Pkw-Straße zur Lodge gibt es nicht.

Die Herberge hält noch weitere ‚àö√∫berraschungen parat. Der Strom wird mit einer Solaranlage erzeugt und warmes Wasser strömt nur aus den so genannten Raketenduschen – der aufgefangene Regen wird in dieser abenteuerlichen Konstruktion durch eine Stahlröhre geleitet, an deren unterem Ende ein Paraffinfeuer für die nötige Erwärmung sorgt.

Die Unterkünfte bestehen aus stabilen Safari-Zelten und zehn traditionellen Rundhütten mit Reetdach, wie sie auch in den Dörfern ringsum überall zu finden sind.
Das Mobiliar beschränkt sich auf ein bequemes Doppelbett und einen an zwei Seilen aufgehängten Stock, der als Handtuchhalter dient. Luxus gibt es hier tief im Eastern Cape nicht – dafür aber ein weitgehend unverfälschtes Kennenlernen der Xhosa-Gemeinschaft. “Natürlich hat die Bulungula Lodge einen großen kulturellen Einfluss auf die Dorfgemeinschaft”, stellt Benjamin mit Blick auf die Gäste aus aller Welt klar. “Man kann keine große Glaskuppel haben, zu der die Leute dann hingehen und schauen, wie die Einheimischen leben.” Im Gegenteil: Das Zusammentreffen von Touristen und Einheimischen ist gewollter Bestandteil des Konzepts der Fair Trade akkreditierten Herberge. Zäune gibt es nur, um die Ziegen von den frisch gepflanzten Büschen und Bäumchen rund um die Lodge fernzuhalten.

Gemeinsam am Lagerfeuer

Am Lagerfeuer sitzen die Menschen aus Nqileni mit den Urlaubern zusammen, auch der große Aufenthaltsraum im Haupthaus wird von allen gemeinsam genutzt. Die Einheimischen profitieren von der Lodge. Der Dorfgemeinschaft gehören 40 Prozent des Unternehmens, von den Gewinnen haben sie bereits einen Traktor angeschafft und einen Kindergarten mit Vorschule aufgebaut. Insgesamt 50 Arbeitsplätze sind in Nqileni und Umgebung durch den Tourismus entstanden.

Die 23-jährige Khunjulwa Palamenti hat so einen Weg gefunden, ihre Familie zu unterstützen. Die Gästeführerin lädt zu einem Rundgang durch ihr Dorf ein, erklärt Geschichte und Kultur und übersetzt bei den Gesprächen mit den Einheimischen. Die im ländlichen Eastern Cape ansässigen Xhosa sprechen fast ausschließlich ihre gleichnamige Muttersprache. Seit Kurzem begleitet Palamenti die Gäste auch als ‚àö√∫bersetzerin auf der Tour mit dem Sangoma, einem der in Südafrika noch weit verbreiteten Naturheiler. Melidinga Mdoseni streift dann mit der Gruppe durch den Qane-Urwald und erzählt von der Heilwirkung der verschiedenen
Borken, Blätter und Wurzeln. Glaubt man ihm, ist gegen jedes Leid ein Kraut gewachsen, selbst gegen gewalttätige Ehemänner hat er einen Baumrindentee im Angebot. Doch auch wer eher der Schulmedizin vertraut, kommt auf seine Kosten, wenn der 56-Jährige in seinem grünen Heiler- Overall die Fauna erklärt, frisch vom Baum geschälte Borke zum Zähneputzen verteilt oder plötzlich mitten im Urwald eine einem Rettich ähnelnde Wurzel ausgräbt und in Stücke gehackt seiner zögerlichen Kundschaft zum Verzehr anbietet.

Da Kriminalität in und um Nqileni keine Rolle spielt, kann man auch auf eigene Faust endlos über die grünen Hügel, durch die verbliebenen Urwälder und entlang der faszinierenden Küste wandern. Die Lagune direkt vor der Lodge, in der der Bulungula- Fluss langsam in den Ozean mündet, lädt zudem zu Kanu-Touren ein, auch auf dem Pferderücken lässt sich die Gegend hervorragend erkunden und wer mag, kann einen Tag mit den Frauen der Dorfgemeinschaft verbringen und lernen, aus Lehm Steine für die Rundhütten zu fertigen oder Umqombothi, ein Mais-Bier, zu brauen.

Pilsener und Lager gibt es dagegen an der Lodge-Bar, die auch drei erschwingliche warme Mahlzeiten pro Tag anbietet. Selbstversorger müssen ihr Essen mitbringen, einen Einkaufsmarkt gibt es nicht, aber im Meer kann man sich an Langusten, Krabben, Austern und Fischen bedienen, die abends selbst am Lagerfeuer gegrillt werden können. Wer beim Beutezug nicht allein sein will, kann auch hier auf die Erfahrung eines Guides zurückgreifen.

Das Konzept geht auf. “Unsere Gäste kommen wegen der kulturellen Erfahrungen und wegen der traumhaften Lage”, berichtet Benjamin. Fernab des Haupt-Touristenstroms versucht sich die gastfreundliche Dorfgemeinschaft mit Hilfe der Urlauber weiterzuentwickeln. Als Hintergrund dient eine touristisch unberührte Traumlandschaft.

Ganzjährig Badetemperaturen

Das Wasser ist ganzjährig warm und selbst im südafrikanischen Winter von Mai bis September ist es meist 20 bis 25 Grad warm und in der Regel sonnig. Das ländliche Eastern Cape hat etwas von der Klischee-Vorstellung des traditionellen Afrikas. Kein Strommast stört das Panoramabild, kein Lichtsmog macht die Sternschnuppen unsichtbar und kein Straßenlärm kann die Idylle stören. Wenn es Krach gibt, dann sind es entweder Kühe, Esel oder Hühner.

Nqileni ist ein armes Dorf, aber es hat seinen eigenen Rhythmus, der den Ort paradiesisch anmuten lässt. Ein Eindruck, der spätestens dann zum Wiederkehren verleitet, wenn man wieder in das normale Südafrika und den hektischen Verkehr auf der Fernstraße N2 einbiegt.

Buchungen unter Tel. 0027-(0)47-577 89 00
Doppelzimmer ab umgerechnet 26 Euro), Einzelbett im Gemeinschaftsschlafraum 11 Euro
Anreise: Der nächste Flughafen ist das drei Autostunden entfernte Umthatha. Von dort per Shuttlebus zur Lodge
Informationen im Internet: www.bulungula.com

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